Regeln
Heute in der Frühe beim großen Cappuccino auf der Bank vor dem Café meinte die Yoga-Lehrerin:
„Wenn wir uns alle mal einen ganzen Tag an alle Regeln halten würden, dann würden die da oben sich ganz schön umgucken.“
Also vorschriftsmäßig parken, nicht schneller fahren als erlaubt, nicht rauchen und keinen Alkohol trinken.
Welche Einnahmen da verloren gehen! Wenn wir das einen Monat *alle* durchhalten, dann gibt es bestimmt an Stelle eines Lobes eine Steuererhöhung.
Schon beim „Bund“ war mir das vor Ewigkeiten aufgefallen, dass die Übererfüllung von Regeln zum Problem werden kann. Erstens habe ich natürlich nicht mit den blöden Platzpatronen herumgeballert. Das verdreckt die Waffe ganz furchtbar und man hat eine Stunde damit zu tun, den Lauf zu reinigen. Benutzt man die gar nicht und tut nur so, dann braucht man nur etwas Waffenöl und alles ist frisch und rein. Außerdem kann man 60 Minuten seinen Gedanken nachhängen oder dummes Zeug reden.
Selbstverständlich habe ich zweitens diese klitzekleinen matten Metallstreifen auf der Schulter auf Hochglanz poliert und drittens die schwarzen Halbschuhe mit Nylons so zum Glänzen gebracht, dass einer mich dann „Gefreiter DeLuxe“ nannte. Es war ja wenig zu tun außer Regeln einzuhalten. So ein Oberst sah dann manchmal aus wie, nun ja, ein „Untergebener“. Die taten mir richtig Leid mit ihren matten Abzeichen und diesen stumpfen Schuhen.
Als Kind hatte ich auf dem Fahrrad auch Tage, da habe ich an roten Ampeln gehalten, wenn die Straße völlig frei war. Da fühlt man sich richtig gut, verballert aber auch Lebenszeit.
Andererseits ist neben dem Erfüllen von Regeln natürlich das Brechen derselben ebenso schön wie das Einhalten.
Das Brechen von Regeln verlängert das Leben unglaublich. Man darf es nur nicht übertreiben. Und rechtlich halbwegs sauber sollte es auch sein.
Claudia …. so nenne ich sie heimlich, weil sie aussieht wie die tolle Michelsen …. meinte dann zwei Stunden später, dass sie „gar keine Lust mehr hat, wegzugehen oder etwas Neues zu tun“.
Das klingt nach Sicherheit, aber auch nach Regelhaftigkeit.
Aber die achtstündige Fahrt in den Bayerischen Wald kam mir zum Beispiel früher tierisch lang vor, die Rückfahrt dagegen sehr kurz. Klar, da kennt man alles schon. Und wenn das Leben abläuft wie die Rückfahrt von Bayern an die Küste, dann geht es schnell vorbei. Man sollte sowieso niemals denselben Weg zurückfahren, da spielen 50 oder 100 Kilometer Umweg doch gar keine Rolle, wenn man *Neues* entdecken kann für nur 5 bis 10€ Mehrkosten nach einem Urlaub, der vierstellig ist.
Im Alltäglichen kann man zum Beispiel jeden Tag eine andere Zeitung lesen. Zuletzt hatte ich ja monatelang eine deutsche Wochenzeitung im Briefkasten. Die hatten meine vier Wochen Leseprobe irgendwie auf fast 40 Wochen erhöht. Da wird die Zeitungsmeinung ja schon zu meiner eigenen!
Andersherum ist es jedoch noch schlimmer: Wenn man *das* liest, was die eigene Meinung abbildet und bestätigt. Jedenfalls bekam ich als Student immer bittere Sätze von taz-Lesern, wenn ich eine kostenfreie Springer-WELT unter dem Arm trug.
(Ärgerlich ist wieder, dass es aktuell schwierig ist, sich über eine ausbleibende Zustellung zu beschweren, wenn man kein Abonnent ist.)
Obwohl ich Bestätigung natürlich nicht grundsätzlich übel finde. Aber mehr im Privaten.
Auch dieses ewig lange morgentliche Herumliegen im Bett am Wochenende bringt selten neue Erfahrungen hervor.
Verschenkte Zeit!
Andererseits trinke ich im Stammcafe immer dasselbe, die fragen gar nicht erst. Und ich gehe immer in dasselbe Café, weil sie eben nicht fragen. Das ist zum Beispiel eine sehr gute Regel. Blöd ist, dass die im Sommer drei Wochen schließen. Mit so einer Regel wird das Leben echt beschwerlich, wenn man die regelmäßigen Besuche nicht machen kann. Da sieht man mal, wie schwer eine Umstellung ist, wenn man das nicht beizeiten übt.
Im Gegensatz dazu sollte man morgens täglich die Plätze am Frühstückstisch auswürfeln.
Mein Sohn krümelt bis in meinem Teller. Vielleicht landet der dann mal auf der anderen Spielfeldseite. Und meine Frau an meiner Seite würde mir die „wieder Nutella im Mundwinkel“-Hinweise ersparen, wenn sie mir nicht wie Boateng gegenübersitzt und mir über die Mundwinkel grätscht.
Aber wenn das mit dem Nutella am Kinn einer in der Fußgängerzone Stunden später bemerkt, ist das auch nervig.
–
Hach, ich wollte wirklich nur ausprobieren, ob das hier auch vom Handy geht und jetzt scheint das ganz schön viel Text geworden zu sein.
hach der Maddin,
schön zu lesen.
Auch wenn es möglicherweise eine aussterbende Sitte ist, ich geniesse es, wenn Menschen – abseits des Gezwitschers & Gesichtsbuchsgeschwurbels – noch fähig & willens sind, sich elegant sprachlich auszudrücken.
Auch wenn es ein Stück Lebnszeit kostet, erfreut es doch.
Gruss aus >Berlin
Alexander
LikeLike