Lob für eine Markise
Die Zeit des 50sten Geburtstages der besten Ehefrau von allen, die ich je hatte, ist eine höchst ergiebige. Konzentrierte und logistisch ausgefeilte Organisation hat ihre Vorteile, aber auch ihren Preis.
Der Preis sind Geschichten des Alltags, reihenweise.
Sie wünschte sich jetzt doch eine Markise für den Garten. Wir hatten das Thema eigentlich schon seit 20 Jahren, aber sie konnte sich nie so recht im Kostenrahmen bis 1000€ für ein Design entscheiden.
So kauften wir Sonnenschirm um Sonnenschirm, was den Winden des Nordens geschuldet ist und auch meiner Frau.
Sie stellt Schirme gegen eine tiefstehende Sonne gern wie den Schild des Averners, was bei Wind keine gute Idee ist. Steht ein Schirm horizontal wie der Schild auf dem Majestix immer steht, passiert meist nichts.
Vielleicht waren es vier oder fünf verbrauchte oder zerstörte Sonnenschützer, ich weiß es nicht. Aber ich mag keine neuen Füße mehr in den Boden einbetonieren.
Die meiner Frau, aber nein, auf solche Gedanken käme ich nicht.
„Markisen kann man nicht neigen“, dachte ich still und stimmte ihrem Wunsch zu.
Die elektrische Markise mit Fernsteuerung war im Angebot für 390€ oder so, so genau habe ich nicht zugehört. Ich war beim Kauf auch nicht anwesend. Meine Frau teilte mir mir, dass sie sich mit ihrem markisenerfahrenen Bruder, dem Anwalt, bei Bauhaus verabredet hat.
Ich sollte dann zwar auch mitkommen dürfen, aber ich fürchtete die endlos langen Gespräche über Vorteile von Beige bzw Grau.
„… die brauchen bestimmt eine Stunde dafür“, habe ich gedacht.
Vermutlich hätte ich das in 10 Minuten erledigt und hinterher drei Milchkaffee getrunken und vier John Player geraucht.
Dass ich in derselben Zeit trotz meines faulen Images auch etwas schaffe, sehen viele nicht.
Die brauchten gar nicht so lange. Um 15:30 hatten sie die Strecke von 1,5km in Angriff genommen und schon um 19:10 waren sie erfolgreich zurück.
Stolz wirkten sie nicht, eher ausgelaugt, vermutlich hatten sie auf Kaffee gänzlich verzichtet. Sie kaufen anders ein als ich.
Vielleicht sogar besser. Durchdachter. Natürlich kostet das Denken Lebenszeit.
Dann wollten sie gleich die Löcher in die Wand bohren, muss ja einen Tag aushärten so eine Dichtmasse.
Und es war nur noch eine Woche bis zur Geburtstagsfeier mit dem ersten Markisenauftritt.
Daher fängt man dann auch *kurz* vor Beginn des Spieles *Deutschland vs Italien* mit dem Bohrhammer an.
Aber *ohne* mich, denn das war das ‚Spiel des Jahres‘, das vorweggenommene Endspiel schon vorher und …. danach war es das Spiel des bisherigen 21. Jahrhunderts.
Wunderbar, dieses Zittern in meinen Beinen. Das bekommt man nicht oft.
Ich bin auch froh, dass ich beim Public Viewing die Vorberichte mitbekam, während es an *meinem* Haus hämmerte. Er tut das gern für seine Schwester, er schenkt ihr den Anbau der Markise zum Ehrentag.
Wenn ich das gemacht hätte, nun, das wäre also für ihn gar nicht so gut gewesen.
Natürlich mussten sie nach drei Löchern aufhören, weil er *es* auch sehen wollte. In der Nacht schlief meine Frau bei offenen Fenstern nicht gut, die Musik einer anderen Feier störte sie beim Tiefschlaf.
Am Sonntagmorgen bohrten die emsigen Geschwister dann die restlichen Löcher ohne mich, weil ich das am Montag machen wollte, wenn nicht alle im Garten müde frühstücken und die Elfmeter der vergangenen Nacht analysieren.
„Jahaaa, da liegt schon eine Anzeige gegen *uns* im Briefkasten“, rufe ich fröhlich am Nachmittag mit einem weißen Blatt Papier in der Hand.
„Wirklich??????“, wird meine Frau gleich wieder hektisch.
Sie bekommt so ein natürliches Rouge auf ihren Wangen schneller als man zunächst denkt.
Nein, natürlich nicht und „witzig war das auch nicht“ von mir, sondern „richtig ….. blöd“.
Das sagt sie so …. im Schreck.
Aber sie hängt am Sonntag noch, die „Marki“. Der große Bruder spielt mit der Fernbedienung und erfreut sich am Klang der Motoren.
Beim Geburtstag dann wieder meine schwarze Stunde als Nachklang:
„Hach, die hat der C. angebaut? Ja, das ist ja toll. Ein wirklich patenter Mann. Was der alles *kann*.“
Seine Mutti wiederholt es dreimal, der Freund zweimal, meine Frau mehrfach. Bei der Party einige Tage später wird das Handwerkliche von der Familie auch noch vier bis achtmal erwähnt und thematisiert.
Er hat das wirklich gut gemacht mit seiner Schwester, meiner Frau, der besten Ehefrau von allen, die ich je hatte. Lob wirkt ja auch stärkend.
Ich habe damit auch nicht gespart.
Fragende Blicke auf mich während der Party-Hymnen auf die Markiseninstallation kommentierte ich mit:
„Ich? Ich habe das Spiel des *Jahrhunderts* gesehen, komplett, mit Vorberichten!“
Aber richtig toll war wieder meine Kurze mit dem Pferdeschwanz und dem Hund im schlanken Arm.
Bei der Party flüsterte sie zwischen den Fanfaren in mein Ohr:
„Papa, wie viele Markisen hat er eigentlich bei uns angebracht?“
Und sie hat so wundervoll gegrinst bei „wie viele“.
Das bleibt, auch wenn meines einst endet.
M.