Punktlandungen

Punktlandungen
oder
Menschen, die ins Flugzeug einsteigen wollen, bevor es gelandet ist

Gestern hatte meine Tochter etwas auf dem Weg zur Freundin vergessen und lief eilig die Treppe hoch in ihr Zimmer. Ich, gerade beim Ausräumen der Spülmaschine, störe mich nicht an schnellen behenden Schritten …. aber an unnötiger Eile.

Vor allem, wenn sie beim Schließen der sogenannten ‚Zwischentür‘ den schwarzen, für Hektik unempfindlichen Hund einklemmt.

Es ist ja nichts passiert.

Es wäre aber *noch* weniger passiert, wenn sie langsamer ginge und …. schlösse. Dann wäre sie eine Minute später bei der Freundin mit den schwarzen Locken gewesen. Die steht ja nicht an einer Landstraße in Negernbötel im Regen, sondern sie sitzt wartend in ihrem Zimmer und postet bei Instagram.

Ja, ich lege schon Wert auf Pünktlichkeit, vor allem bei mir selbst. Die der anderen ist mir relativ gleichgültig, solange ich an sicherem Ort meinen divergierenden Gedanken nachhängen kann.
Kommt jemand zu einem Termin, beruflicher wie privater Art, 30 Minuten zu spät, so bin ich ehrlich gesagt dankbar für die geschenkte freie Zeit, die an Zeitlosigkeit grenzt.

Schwieriger wird es dann, wenn andere „überpünktlich“ sind. Das ist für mich eine wahre Belastung, die in keinem Verhältnis zu einer Unpünktlichkeit steht. 5 Minuten zu früh zum Kaffee zu erscheinen bringt meiner Verabredung mehr Höllenpunkte ein als 45 Minuten Lässlichkeit.

Ich hoffe jedenfalls, dass der Teufel sich solche Notizen macht.

Eben wollte ich mir noch das neue Oberarm-Tattoo der Yoga-Lehrerin beim Morgenkaffee ansehen, da kam sie mir um 8:21 schon eilig vom Cafè entgegen, die Locken wehen im Wind, der Coffee-To-Go schwankt bedenklich, das Lächeln freundlich und offen wie immer, aber schon leicht …. getrieben.

„Ich habe einen Termin, die steht schon vor der Tür und hat angerufen!“, sagt sie im Gehen.

Schade, der Wochenbeginn mit einigen Minuten verbalem Yoga wäre ein guter Start gewesen.

„Aber das ist vermutlich um 8:30, oder? Und Du brauchst ja nur 3 Minuten bis ins Studio“, sage ich beruhigend als wir auf gleicher Höhe sind.

„Ja, aber sie hat doch schon angerufen, wo ich bleibe!“

…. und schon sah ich ihr nach.

Eben, das meine ich.

Das mit dem Blick auf ihre Rückseite hätte ich später sonst auch gemacht, aber dafür hätte der Hund nicht 5 Minuten länger schnüffeln dürfen als sonst. Und die überpünktliche Dame …. die hat die anderen 5 Minuten gefressen.

Es waren meine 10 Minuten.

Der Hund hat ja keine Uhr, der Glückliche; die Unbekannte schon. Vermutlich war das mit der ‚Suche nach der inneren Mitte‘ so dringend, dass sie erstmal die der Lehrerin verschieben musste.

Und meine auch noch!

Und das liegt an allem, nur nicht an der mit der jeansfarbenen Malerei. Man sagt vermutlich ‚Stecherei‘, aber das lassen wir mal beiseite.

Noch schwieriger ist das ja mit Verwandtschaft bei privaten Einladungen.

Die landen nie punktgenau, aber sie wollen es immer, weil sie den Wert der Pünktlichkeit hoch schätzen, … vor allem … bei anderen.

(… das ist so anerzogen in den 50ern. Das war vor 66 Jahren. Mache „Erziehung“ darf man auch vergessen. „Immer erster Mann an der Spritze“, „Morgenstund‘ hat Gold im Mund“, … oft erzog man damals mit Sprichworten)

Bei sich selbst schätzen sie pünktliches Erscheinen sogar so, dass sie 15 bis 20 Minuten zu früh kommen, wenn wir einladen. Wenn ich dann ohne Schuhe und mit dem nassen Handtuch über dem Arm die Treppe herabschreite, bin ich stets zu spät …. obwohl ich eigentlich noch 4 Minuten zu früh bin.

Unangenehm …. und auf Socken fühlt man sich ja auch stets etwas nackt.

„Hach, Du bist ja auch da“, …
… klingt es mir dann mit leichten Mollanteilen entgegen.

„Sie meinen es ja nicht so“, sagt dann gern später die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte.

Wären es Freunde, dann würde ich mit feuchtem Haar und Bademantel gern zur Tür gehen, aber nicht, wenn davor staubfreie Anzüge oder güldne Ketten warten und …. erwarten, dass ich schon fertig bin. Ich bin ja pünktlich fertig, sogar der Kaffee. Aber eben wirklich pünktlich und nicht vor der Zeit.

Irgendwann betonen sie dann die eigene gute Erziehung, meist erst beim zweiten Stück Kuchen.

Also insgesamt nicht wirklich ‚oft‘, aber doch ungefähr so oft wie der Minutenzeiger an der ‚6‘ vorbeikommt.

Und ich mache mich gern zuletzt bereit, weil ich manchmal noch die Auffahrt fegen muss. Damit alles reinlich ist. Für meine eigene Reinlichkeit brauche ich beim Duschen 8 Minuten (… „mit Haare“, … für weibliche Leser)

Ja, fegen. Deshalb plane ich, die Schuhe immer erst anzuziehen, wenn ich den verwandten BMW Diesel nageln höre. Aber meine Pläne ….

…. und „Staub auf schwarzen Schuhen“, das ist jetzt ein anderes Thema. Damit gehe ich nicht so locker um wie mit den Fragen der Zeit.
M.

Hinterlasse einen Kommentar