









Das Kleine und das Große
Gestern kam ich auf dem Weg in die beste Bücherei der Welt wieder an meiner alten Schule vorbei.
Ich ging auf der anderen Straßenseite, da wo früher die Bäckerei Harries war, in der ich im Chemieunterricht öfter die leeren Coca Cola-Flaschen von Herrn Dr. Neumann zurückgab und ihm dann neue mitbrachte.
Das Geld nahm ich aus seinem „Kabuff“ hinter dem Chemie-Raum aus einer Schale neben dem Aschenbecher, wenn ich das Leergut einsammelte.
Er trank recht viel Coca Cola.
Und er rauchte Gauloise ohne Filter, diese dicken aus der damals hellblauen, weichen Packung.
Diese festen Kisten später waren ja furchtbar, die blieben immer gleich groß, selbst bei einer einzigen Restzigarette.
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Ach, ja, sorry, …. Erinnerungen … , jedenfalls saßen da drei SchülerInnen und tippten auf einem Tablet.
Auf genau den beiden Stufen vor dem Kino, auf denen ich selbst die Hausaufgaben von Sabine in Deutsch abschrieb!
Oder von Andrea in Religion.
Gute Schriften hatten beide. Ideal.
Natürlich waren leichte Variationen sinnvoll, ich will nicht von einem Upgrade sprechen, das wäre vermessen, eher eine minimal männliche Prägung sollte ein Text beim Abschreiben mitbekommen.
Blöd war trotzdem, wenn Sabine oder Andrea vorlasen, dann löste das eine gewisse Nervosität bei mir aus.
Und dann habe ich die gestern gefragt, ob sie auch gerade „Deutsch“ abschreiben.
Aber die verneinten mit einem „Nein, wir machen das selbst!“
„Mein Gott“, sprach ich, „die Jugend von heute! Wir hatten einfach mehr drauf! Effektiv waren wir, schnell und lebenstauglich! „
Eine hatte einen Mathezettel, also auf fossilem Papier, neben den Sneakers geparkt.
Da war in drei Zeilen oben je ein kleiner formaler Fehler drin, leider sehe ich das sofort.
Ich sagte aber nur „Ah, Skalare in der Analytischen! 12te Klasse?“
„Genau!“ grinste die.
Sie hatte aber Gleichheitszeichen an Stelle von „Element von“ verwendet, da will ich nicht sofort den Ex-Lehrer raushängen lassen.
Vielleicht an einem anderen Tag.
–
Heute fiel mir dann ein, dass bald Sommer ist, also das, was man hier so nennt.
Manchmal schaut er ja kurz rein, der Sommer.
Und wieder kam ich an dieser Litfaßsäule vorbei, mit der ich als Schüler kollidierte als ich einer Dunkelhaarigen auf der anderen Straßenseite nachsah.
Heute weiß ich, wo die steht.
Da strömten die SchülerInnen alle gerade in Richtung Innenstadt raus aus dem alten Gebäude mit der Mauer, auf der Tonio Kröger einst saß wie ich später und die heute auch.
Aber nur in den Pausen, nach der Schule wollte man „weg“.
Immer.
Und die fragte ich dann, ob es dieses Jahr wieder ein Musical in der Aula gibt. Im letzten Jahr hatte ich das zweimal gesehen, also mit den beiden Besetzungen.
Wir hatten keine Musicals.
Wir hatten Markow-Ketten und haben römische Grabsteine entziffert.
In Latein.
„Welches denn? Das Große war schon! Das Kleine ist im Juni!“
„Letztes Jahr war die ganze Aula voll, das war groß!“
„Mann, nein, Du (sic!), das Große ist das von der Oberstufe, das Kleine ist von der Mittelstufe!“
Eine andere sagte dazwischen: „Du (sic!) warst letztes Jahr beim Kleinen, ich habe Dich gesehen, Du hast mit Leroy gesprochen, der war der Zauberer! Ich war auch dabei.“
„Beim zweiten Mal war aber Lena der Zauberer!“ musste ich angeben.
„Voll.“
Die wussten die Termine nicht, ich soll Anfang Juni fragen und die Karten vorher kaufen, weil das sonst ausverkauft ist.
Ich glaube, ich bin ziemlich nervig.
Ist mir egal.
–
„peace, tranquility and good will“
Deine Erinnerung liest sich wie ein kleines Zeitfenster in eine Welt, in der Schule noch ganz nebenbei ein eigener Kosmos war – mit Bäckerei, „Kabuff“ und einer sehr pragmatischen Form von Leergut-Ökonomie 😉. Ich musste dabei an meine eigene Nostalgie-Exkursion denken: Vor einiger Zeit war ich ebenfalls an meiner alten Schule. Vieles war noch erstaunlich vertraut. Allerdings gab es die Kneipe nicht mehr, in der wir nach Schulschluss mit großer Begeisterung Flipper gespielt haben. Dort ist heute einfach nur ein Parkplatz. Fast schon ein sehr nüchternes Ende für eine ziemlich lebhafte Erinnerung. Vielleicht ist das ja das Gemeinsame solcher Rückblicke: Die Orte verschwinden, aber die Geschichten bleiben erstaunlich stabil im Gedächtnis – manchmal sogar lebendiger als früher.
Danke dir fürs Teilen dieser schönen Zeitreise.
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Das stimmt, dass alte „Orte“ teilweise verschwinden. Es bedeutet aber nur für uns einen gefühlten (!) Verlust.
Für die junge Leute wird es ebenso später „alte Orte“ geben, die verschwinden. Vermutlich sind es die, die wir jetzt beklagen. 🙂
Es gibt ebenso „Verbesserungen“, das gehört auch dazu:
„Musicals“? Hatten wir nicht.
„Gepflegte, saubere Toiletten“?
Oh Gott, da ging man lieber zur Bäckerei als in den Keller!
„Mensa“? „Aufenthaltsräume“?
Pustekuchen, hatten wir nicht.
Aber klar, man erinnert sich später mehr an Positives, das ist ‚psychohygienisch‘ ja auch gesünder! 🙂
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Da hast du recht, jede Generation verliert irgendwann ihre „alten Orte“, während die nächste dort längst etwas ganz anderes sieht – vermutlich ohne jede Ahnung, welche Dramen, Flipperpartien oder Cola-Transporte sich dort einst abgespielt haben 😉.
Und ehrlich gesagt bedeutet die verschwundene Kneipe für mich auch nicht unbedingt Verlust. Sie war damals schon ziemlich renovierungsbedürftig und hatte eher den Charme kontrollierter Verwahrlosung. Dass dort heute ein Parkplatz ist, ist atmosphärisch zwar weniger aufregend, aber vermutlich hygienischer.
Überhaupt sind meine Schulerinnerungen keineswegs nur positiv. Vielleicht verklärt die Nostalgie manches, aber sie ist zum Glück nicht stark genug, um alles zu übermalen.
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„Vielleicht verklärt die Nostalgie manches, aber sie ist zum Glück nicht stark genug, um alles zu übermalen.“
Ein ganz wunderbarer Satz. 🙂
…. und „übermalen„, das kann nur eine Malerin geschrieben haben.
🙂
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