Lucinda Williams, ein Doppelalbum im echten Leben

Lucinda Williams, ein Doppelalbum im echten Leben


Side A - Das Davor

Ich behaupte, dass ich Hamburg gut kenne.


Wenn ein Konzert stattfindet, dann gehe ich vorher meine alten Studentenwege ab und trinke im Backwahn in der Grindelallee einen Milchcafé.

Dort hat sich wenig verändert, die Stühle sind dieselben wie 1984.

Solche Konstanten braucht man im Leben, manche mehr, manche weniger, ich mehr.

Das Backwahn und Lucinda zum Beispiel.

Dass ich mein Ladekabel für das mobile Telefon vergessen hatte, führte dazu, dass ich "digital detoxing" betrieb, über 4 Stunden lang, ungewohnt so eine Fastenzeit.

Denn das Ziel hieß zum vierten oder fünften Mal in 21 Jahren Lucinda Williams, keine Frau habe ich öfter gesehen, also auf der Bühne, nicht im wirklichen Leben.

Obwohl Lucinda genau dafür steht: Für das wirkliche Leben mit seinen weißen Kugeln und seinen schwarzen Kugeln, die oft unvorhergesehen ausgelost werden.

Dann las ich zum Milchcafé den "Spiegel", den ich sonst selten lese, weil ich die Sprache darin nicht sehr schätze, aber das ist eine Geschmacksfrage, auf derartige Fragen komme ich später zurück.

Danach noch ein großes Glas Wasser, auf dieses Glas komme ich ebenfalls später zurück.

Ein Zug durchs Uni-Viertel und ein erneutes Bedauern, dass "2001" seine Pforten vor Jahren verriegelte, schloss sich an.

Dann gegen 17:30 in die Innenstadt, eine fatale Fehlentscheidung aus den 80ern, Baustellen, Stau, höchst anstrengend.

Vor allem wegen des großen Milchcafes und des großen Glases Wasser.

Nach 15 Minuten Standzeit kurz vor dem Gertrudenkirchhof musste der Volvo dann kurz auf den Bürgersteig, das asiatische Restaurant sah aus als könne es mich erlösen.

Die großgewachsene Asiatin beschied mir ein knappes "Nur für Kunden", obwohl ich freundlich fragte, kein "Guten Abend", kein "tut mir leid", nichts.

Nicht hanseatisch genug, nicht britisch genug für eine leicht englisch anmutende Stadt in Deutschland, ganz schwach.

"Wenn ich Ihnen jetzt an den Tresen pinkle, dann bekomme ich morgen Post von Ihrem Anwalt. Lassen sie mich nicht dahin, wo ich hin will, bekommen Sie morgen Post von meinem Anwalt", so meine ebenso unhanseatische Replik.

Unnötig.

Die lackierten Finger gaben nach und zeigten mir eine Tür, die ich nach 60 Sekunden wieder schloss, der Volvo wartete brav wie unser Hund auf meine Rückkehr, die Blechkarawane hatte sich keinen Millimeter bewegt.

Geht doch.

100m von Michelle entfernt ein Parkplatz, groß wie ein Scheunentor. Perfekt.

Dann zu ihr, wie ich gern sage.

Sie ist seit 1977 für alle da, für mich erst seit 1980, wir starteten spät, aber intensiv und mehrmals wöchentlich.

"Michelle", das ist *mein* Plattenladen seit über 40 Jahren.

Viel Zeit hatte ich gar nicht mehr, dann muss ich aber trotzdem irgendetwas kaufen, Willy DeVille live für 3€. Der Besitzer ist mit mir älter geworden, er versteht so etwas.

Man verlässt kein Plattengeschäft ohne einen Wareneingang in der Jacke.

Die Schuhe des wahren Mannes sind die Platten und CDs.


Side B - Bruder Johannes, der Evangelist

Ich wollte mich ja mit drei guten Männern treffen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, Musikerlebnisse für die Nachwelt zu konservieren.

Wir werden alle älter, die ersten Beulen sind oft nicht sichtbar, zwei Männer meiner Altersgruppe mussten absagen, Vanillo und der Freibeuter, sehr schade.

Der dritte war mir wärmstens empfohlen worden, wir kannten uns nur vom Schreiben, hatten uns aber nicht verabredet, er heißt "Der Evangelist", warum, das weiß man nicht.

Seine Freunde sollen ihn "Bruder Johannes" getauft haben.

Eine "seated-show", also die Markthalle bestuhlt. Es gibt ein Alter, in dem man dies zu schätzen weiß, ich noch nicht, aber bald. Ich hatte ungefähr Platz 20 in der Schlange, noch 20 Minuten bis zum Einlass.


Man redet ein wenig über Musik, über andere Konzerte, die Menschen hören mir manchmal zu, ohne dass ich das einfordern muss wie damals in der Schule, ich höre auch zu.

Eine Frau, deren Mann sie offenbar mitnahm, so schien es mir, höchst attraktiv, sehr groß, mit blondem wehenden Haar, bemerkte "Ich finde Lucinda Williams ziemlich langweilig!"

Ihren Begleiter hoffentlich nicht, denn so provokativ tritt doch nur eine Suchende auf. Nach was auch immer.

"Klar, kein Problem, mancher findet Picasso, Bob Dylan und Franz Kafka auch langweilig, ist ja nur eine Geschmacksfrage!", lächelte ich zurück.

Manchmal fühle ich mich gut, wenn ich so etwas en passant loswerden kann, ich suche nicht überall Freunde.


Heute hatte ich schon zwei Frauen verloren, erst die Asiatin, nun eine gutaussehende blonde Hamburgerin aus der Katja Suding-Liga, also die Beine betreffend.

Die traf ich einst bei Rhiannon Giddens, der aufmerksame Leser merkt sich so etwas, ich auch.

Es war recht kalt, um die 6 Grad, ich trug zwei Schals, den einen nennt die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, einen "Lappen", eine Lederjacke, die nördlichen Stürmen standhält, einen Pullover, ein Jeanshemd, darunter ein T-Shirt, eine Hose hatte ich an, die Schuhe aus der Toscana, leider nicht passend zum Gürtel.


Dann steht plötzlich ein Mann neben mir, der von einer Hallig oder hohen Bergen zu kommen schien. Er trug nur ein weites blaues Hemd zur Hose, das er locker über die Hose hängen ließ. Bei 6 Grad Celsius im Norden. Er lächelte für 25 Grad im Schatten. "Der muss schon viel erlebt haben", dachte ich.

"Wie hältst Du das aus, mir ist so schon kalt!", sprach ich ihn an, es war ja nichts zu tun, die Blondine war eh verloren.

Es sind ja nicht viele Frauen bei Konzerten, jedenfalls meiden sie die, die ich besuche, zum größten Teil. Ich versuche sie zu verstehen, es bleibt jedoch beim Versuch.

Ich gehe zum Beispiel ungern in Schuhgeschäfte, Männer und Frauen sind verschieden, da sollten wir uns keine Illusionen machen.

"Ich habe eine innere Wärme, mir ist nicht kalt."

Er hätte ja auch nordisch "Weichei" sagen können, aber seine Augen sagten das, was er sagte.


Einige Minuten vergingen, erste Informationen zur Abgabe aller Jacken aus Sicherheitsgründen folgten.


Dann war der Mann mit der inneren Wärme plötzlich weg, ich fand ihn weiter unten wieder, er steckte etwas in seine Socke, das aussah wie ein technische Gerät, dass mir vertraut vorkam.

Ein musikalischer Versorger der Nachwelt, ein klarer Fall!

"Bist Du Bruder Johannes, der Evangelist?"

Ein Lächeln tauchte vom Pflaster wieder auf, ja, der Bruder, er war es, der Himmel sandte ihn neben mich.


Der Abend wurde immer besser.

Die Phase des Kennenlernens in der Realität und der Organisation eines guten Sitzplatzes waren schnell abgeschlossen, mehr Worte brauchten wir nicht, er wusste, dass ich weiß, wie ich mich zu verhalten hatte, kein Quatschen, stummes Klatschen, stiller Genuss mit den Augen und Ohren, so geht das.

Und der Evangelist, der interessiert sich nicht nur für Musik, aus dem Süden angereist, berichtete er von Besuchen bei Caspar David Friedrich und seinem Favoriten Otto Dix.

Das sind übrigens keine Musikanten.

Viel habe ich an kleinen Details gelernt, wenn mein neuer Bruder sprach, er kann das gut und mit liebevoller Zuneigung zu Künstlern.

Unter Männern stehen Gespräche nicht immer in hohem Ansehen solange es nicht um Fußball oder Autos geht. Gut, ja, man muss jemanden, der Otto Dix mag, aber lange suchen.

Bei Netflix ist das nämlich einfacher.


Side C - L.A. Edwards

Die Vorgruppe, eine große Überraschung, klang toll und gut sahen sie aus -richtig- so würde ich schreiben, wäre ich eine Frau von 25 bis 30 Jahren, nein, auch solche bis in ihre Siebziger hätten meine Gedanken gedacht, es hört ja nie auf.

Links am Bass ein junger Jackson Browne, am Schlagzeug der mit dem kurzen Haar und dem Schnauzer, der Sänger mit Vollbart und Gitarre. Er bewegte sich sparsam, aber effektiv, der mit dem Piratentuch und der Gitarre half ihm.


"You can´t beat two guitars, bass and drums" sagte Lou Reed irgendwann einmal, glaube ich.

Dazu noch einer am Keyboard, die Haare im Gesicht, geheimnisvoll, ein Traum für jeden weiblichen Groupie, auch wenn er nur eine Triangel gehabt hätte.

Sehr variabel, "Wildflowers" von Tom Petty als eingestreutes Cover, sehr gut, der Abend war schon jetzt gut gelaufen, auch wenn Lucinda noch abgesagt hätte.


Im Juli sehe ich die Jungs im Nochtspeicher wieder. Warum sagten sie "Sir" zu mir? Ich bin jünger als Anthony Hopkins und King Charles!


Side D - Lucinda Williams

Großartig!

"I would trade tickets for Lorde, Taylor and Miley for one with Lucinda", sagte ich nach der Show zu einem aus ihrer Crew.


Ihre kurzen Geschichten zu jedem Song erzählen von einem langen Leben mit über 70 Jahren, sie singt wie eine 30jährige, die körperlichen Einschränkungen sind ohne Bedeutung für das, was sie tut.

Wir kennen uns seit 40 Jahren, aber das weiß sie ja nicht.


Über Musik schreiben, das muss nicht sein, auch dass Doug Pettibone immer mehr einem jungen Robbie Robertson ähnelt, das will keiner lesen.

Lucindas Größe zu beschreiben, wer trägt schon Eulen nach Athen? In dieser Liga spielen nämlich nicht viele. Aretha? Tina? Nein.

Lucinda war genauso gut wie damals 2003 in der Fabrik, nur der Freibeuter, der hat wirklich gefehlt.


Zum Schluss stand die Halle für die letzten vier Songs, Lucinda lächelte, winkte und schien nicht gehen zu wollen, mehr als zwei Stunden hat sie gespielt, keine Sekunde den Stuhl benutzt.

Jeder hätte es verstanden, sie aber verachtete den Stuhl.

Berührend war der Abschied, es ging sicher vielen so, ich brauchte mal wieder ein Taschentuch, aber nur die Finger halfen bei der Lösung im Halbdunkel.

Würde ich niemals gestehen, klar.


Die Bonus-Single - Die After-Show-Party

Bruder Johannes und ich standen lange noch am Tresen, bis der Sicherheitsdienst sich aufstellte, wortlos.


"Boah, der Blick ist ja tödlich" bemerkte ich zu der wehrhaften Blonden und ihrer Begleitung.

"So langsam ...", ja, wir hatten verstanden, unter den letzten 10 von 800 fühlt man sich noch wohl, unter den letzten drei will man nicht der letzte Idiot sein, der den Abend streckt.

An der Garderobe hingen noch vier Jacken, ich hatte zwar das große Plastikteil am Schlüsselbund aber den winzigen Zettel mit der Nummer 709, den fand ich nicht.

Solche Zahlen merke ich mir irgendwie.

Die Studentinnen forderten aber den Zettel, das Plastikteil "kann ja jeder finden", aber mit einem Lächeln, denn wir wussten alle, dass man auch einen Zettel mit der 709 finden kann.

"Soll ich Dir sagen, was in den Taschen ist?"

Nein, war dann doch ok, die wollten ja auch nach Hause.


Abschied von Bruder Johannes, noch ein Foto vor Lucindas Plakat und auf zum Hotel für Bruder Johannes bei 4 Grad, auf für Maddin zu Gevadder Volvo in 8 Minuten.

Und dann gleich auf 23 Grad!

"Und verdunkelt ist das Fenster unten rechts im Musikhaus".


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https://maddin61.wordpress.com/

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