Telefon & Wehrhaftigkeit

Telefon & Wehrhaftigkeit


Gestern musste ich noch einige Geräte für den neuen Glasfaseranschluss kaufen, nein, durch den wird es weder bessere noch kürzere Geschichten geben, sie werden nur bedeutend schneller sein.

Nun, jedenfalls wollte ich mich noch in diesem kleinen Geschäft in der Shopping-Meile nach einem Kleidungsstück und den Preisen dafür erkundigen. Als ich in das leere Geschäft ging, fand ich eine junge Verkäuferin am Telefon vor: 1,73m, 62kg, dunkle Haare, halb lang, etwa 40, realistisch geschätzt, nun ja, sie liest es ja nicht, ganz in schwarz, auch der Rollkragenpullover. Als gesichert anzusehen sind nur die Länge der Haare, die schwarze Kleidung und das Telefon. An sich sind Details gar nicht so wichtig wie man oft denkt. 

Ich bedeutete ihr wortlos, dass ich Zeit habe, sie solle in Ruhe weiter telefonieren, es dauerte noch mindestens 2 Minuten. Sie machte den Eindruck, sie wolle das Gespräch beenden, ihr Gesprächspartner jedoch nicht, aber irgendwie sprach sie gar nicht, sie nickte immer wieder stumm und blickte ein wenig um sich, ich sehe das aus dem Augenwinkel während ich mir Socken ansehe, die mir völlig gleichgültig sind. Typisch, diese irrenden Blicke der Verkäuferin, während sie eigentlich etwas anderes tun möchte, so dachte ich. So sehen kleine Fluchtreflexe aus. Trotzdem sah sie beim stummen Telefonieren gut aus, keine einfache Aufgabe, man muss dafür nämlich auch geeignete optische Voraussetzungen mitbringen, das konnte sie recht gut. 

Dann beendete sie knapp das Gespräch, tippte auf´s mobile Telefon, verdrehte die Augen deutlich, so dass sie sogar etwas schielte. Sie sah damit weniger gut aus als vorher. Ich interessiere mich mehr für Gesichtsausdrücke als für Bekleidung, zugegeben. 

„Ja, bitte, was kann ich für Sie tun?“ 

„Wer war das? Ihre Mutter?“ 

Wir haben kurz gelacht, ja, klar, sie war es. 

Ich kannte das irgendwie von früher, also aus meinen eigenen Jahren von circa 20 bis knapp vor meine 60er. Es ist nicht immer leicht, mit einem Telefon umzugehen, gerade, wenn man sowieso nicht gern telefoniert und Mütter können am Telefon wirklich sehr viel erzählen. Ich selbst kann mich nicht an Fragen erinnern, jedenfalls nicht von meiner Mutter, höchstens an so etwas wie „Da wirst Du mir ja Recht geben, oder?“ Ein heikler Moment, der schnell zu Explosionen am anderen Leitungsende führen konnte. Da wurde ich früher quasi zum Sohn vom diplomatischen Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Wenn Ihr den nicht kennt: Das war der mit dem hellgelben Pullover über dem weißen Hemd. Und der konnte viel sagen ohne etwas zu sagen, so wie es der Job erforderte. 

Vielleicht kommt meine Abneigung gegen fast jede Art von Telefongesprächen aus dieser 40-jährigen Erfahrung heraus. Einen Anruf beim Zahnarzt schaffe ich trotzdem, ich bin ja flexibel. Ansonsten höre ich aber auch zu, generell spreche ich abseits vom Telefon vermutlich erstens zu viel und zweitens zu laut, das kommt aus der Schultätigkeit und daher, dass ich oft mit älteren Menschen spreche, also mit solchen meines Alters. 

Am selben Tag schrieb mir ein sehr guter, sehr alter Freund, also er ist nicht alt im Sinne von „bejahrt“ sondern „alt“ im Sinne von Old Firehand. Das „Old“ soll ja nur betonen, dass er wirklich besonders gut feuern konnte. Oder ‚old‘ eher wie ‚gewieft‘, ‚gerissen‘ oder ‚erfahren‘, keine Ahnung, was Karl May sich dachte. Vielleicht meinte der auch so etwas wie bei „alter Schwede“. 

Das mit dem „alten Schweden“ kommt daher, dass ein deutscher Kriegsherr, Kurfürst Friedrich Wilhelm, seine Soldaten so richtig streng ausbilden lassen wollte. Und dazu holte er sich alte schwedische Soldaten. Die waren dafür bekannt, besonders streng zu sein. Und die haben deswegen den Spitznamen „Alte Schweden“ bekommen. „Alter Schwede“ wurde also ursprünglich als Schimpfwort gegenüber schwedischen Ausbildungssoldaten verwendet, doch hat sich die Bedeutung im Laufe der Zeit geändert. Heute wird der Ausdruck vor allem benutzt, um Verwunderung oder Erstaunen auszudrücken. Auch als Synonym für einen guten Freund oder „Kumpel“ findet der Ausdruck Anwendung. 

Ihr wusstet das nicht? Tscha, …. ich auch nicht, ich habe das recherchiert. 

Unter Männern sagt man nicht „ich mag Dich“, man sagt eben „Du alter Schwede“. Ob es vergleichbare Ausdrucksweisen unter Frauen gibt, bezweifle ich. 

Und mit Müttern kenne ich mich besser aus als mit Soldaten. 

Es ist gar nicht so schlecht, auch am Telefon einmal zurückfeuern zu können, das war mir leider nie gegeben. Fies zugetreten beim Fußball habe ich auch selten, es sei denn wir lagen zurück. Die gelben Karten gab es damals eher für´s Meckern, das heißt also für´s Sprechen, das Meckern darf man sich durchaus mal leisten, auch außerhalb des grünen Rasens. Von Mutti bekam man oft gelbe Karten, meistens für falsche Ansichten. 

Ich glaube mein guter alter Freund hat auch nicht viel zurückgefeuert in seinem Leben. Das zu können ist psycho-hygienisch recht gesund, auch gegenüber Müttern, zumindest denke ich das heute, im Nachhinein. Wenn man zu spät zurückschießen will, dann kann es sein, dass man gar nicht weiß, wo man die Patronen im Gürtel suchen muss, wenn Ihr versteht, was ich meine. 

Eine gewisse, frühe Wehrhaftigkeit erscheint mir sinnvoll, dafür bietet sich die Pubertät geradezu an. Diese „Wehrhaftigkeit“ kann man anhand der eigenen Mutter recht gut einüben, danach ist man besser auf das Leben vorbereitet. An sich sollten Mütter dies auch verstehen und schätzen, das ist aber nicht ganz leicht. Ich finde Widerspruch im Grunde genommen auch etwas anstrengend und fordernd. Andererseits hat ja keiner gesagt, dass alles einfach sein muss. 

Mein guter alter Freund, ich habe ihn gar nicht oft in meinem Leben gesehen, weil wir so weit voneinander entfernt wohnen, … aber die wenigen Male haben eigentlich ausgereicht, was ich ziemlich erstaunlich finde. Unsere Mütter hätten Geschwister sein können, aber sie waren es nicht, darüber haben wir nur ganz selten am Rande geschrieben, unsere Themen waren andere. 

Wenn man Freunde hat, ist das toll, man muss sie nicht zwangsläufig jeden Freitag sehen, wenn der Lebensfahrplan es nicht zulässt. Manchmal ist es schon beruhigend, wenn man weiß, dass man schreiben könnte und mit Sicherheit eine Antwort bekommt. Jedenfalls leben unsere beiden Mütter schon länger nicht mehr, aber man kann sie nicht vergessen, das wäre unnatürlich. 

Neben den Eltern gibt es wenige echte „Lebensbegleiter“, die zum Beispiel Picasso, Thomas Mann, Franz Kafka, Bob Dylan oder bei jüngeren Taylor Swift oder Sophia Thomalla heißen können. 

Man kann natürlich auch einfach früh heiraten.

Meine musikalischen und literarischen Lebensbegleiter kannte ich alle schon vor der besten Ehefrau von allen, die ich je hatte. Ob sie eifersüchtig ist, das weiß ich gar nicht, aber nach mehr als 30 Jahren zu fragen ist vielleicht auch nicht so weise. Es könnte ja sein, dass ich dann einen musikalischen Lebensbegleiter im Auto nicht mehr singen lassen kann und das wäre wirklich ein Opfer. Bei uns darf immer die FahrerIn die Musik bestimmen, nur deshalb fahre ich wieder gern.

Nur zu viel sollte man sich mit den eigenen Müttern auch nicht beschäftigen. Generell ist eine zu häufige und zu intensive Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht sinnvoll, wenn man von der Gegenwart genug mitbekommen will. Es sei denn, man studiert Geschichte. 

Und weil mein guter, alter Freund, den ich so selten sah, mir schrieb, dass er so oft in den alten Briefen seines Vaters und seiner Mutter liest, …. ich habe leider außer ein paar Fotos von meiner verstorbenen Mutter nichts, weil ein ehemaliger Verwandter all diese Erinnerungen in seinen Schränken für sich haben will, …. da habe ich meinen ‚alten Schweden‘ einfach gefragt: 

„Du, tut Dir das eigentlich gut? Warum machst Du aus dem alten Papier aus der Vergangenheit nicht einfach ein schönes, warmes Feuer am Strand in der Gegenwart?“

Irgendwie hätte „Teflon & Wahrhaftigkeit“ auch gepasst.

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Was machen die Menschen in Geschichten, wenn sie niemand liest?

Ich frage mich oft, in welchen anderen Ländern der Welt diese schnell getippten Artikel gelesen werden. Es sind oft mehr als in Deutschland. Lesen Sie auf Deutsch? Oder lesen Sie lieber die englische Version, die seit kurzem angeboten wird? Ich würde mich freuen, eine kurze E-Mail zu erhalten, wo Sie lesen.

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