




Das Mittelmaß
Habt Ihr einen persönlichen Deoroller für Euch ganz privat? Ich weiß nicht, für wie intim Ihr so etwas wie einen Deoroller haltet.
Früher habe ich auf meinen kleinen, privaten Bereich großen Wert gelegt, bis die Kinder mein Parfum, meine Zahnpasta und ja, meinen Deoroller als Gemeinschaftseigentum betrachteten. Zum Schluss nahm mir meine Frau auch meine Bürste weg, den Rasierapparat für meine Gesichtsbehaarung verstecke ich mittlerweile. Ich schneide nur auf 0,4mm herunter, falls das jemand wissen möchte, es reizt die Haut weniger.
Heute lief alles schon am Morgen schlecht für mich, ich stelle nämlich zunehmend fest, dass ich nur Mittelmaß bin, so Drei Minus.
Ich habe den Deoroller falsch herum im Bad abgestellt. Ich benutze den ohne offizielle Absprache gemeinsam mit der besten Ehefrau von allen, die ich je hatte. Der war schon fast leer und wäre es mein eigener gewesen, dann hätte ich den weggeworfen und mir einen neuen geholt. Aber er gehört mir ja nur halb, da kann ich ja nicht die Hälfte meiner Frau entsorgen. Das ist jetzt missverständlich, ich meine, man kann leider keinen halben Deoroller entsorgen.
Überhaupt setzt sich ja zunehmend das Mittelmaß durch. Das gilt für Martin, das Management und leider auch für die Musik. Das „M“ scheint besonders betroffen zu sein.
„Als Jugendlicher lebte Christian Sewing in Bünde bei Bielefeld, spielte viel Tennis und interessierte sich für Fußball. In der Schule aber stach er nicht mit auffälligen Erfolgen heraus. Sein Abitur machte der Sohn des Besitzers einer kleinen Druckerei mit 2,4. Heute ist Sewing Chef der Deutschen Bank“, so die WELT vor 4 Jahren. Wer es nach ganz oben schaffen will, der muss gar nicht so früh anfangen, im Mittelmaß bereitet man sich vielleicht viel besser auf höhere Aufgaben vor. Oder setzt sich einfach das Mittelmaß durch?
„Als Top-Manager müssen Sie sehr gut mit Menschen umgehen können“, sagt Christine Stimpel, Partnerin bei der Personalberatung Heidrick & Struggles. „Nur so können Sie sich in großen Organisationen durchsetzen.“
Genau, vielleicht ist das nämlich das allerwichtigste, der Umgang mit den Menschen.
„Wer immer sehr gut in der Schule war, musste sich nie mit dem eigenen Scheitern auseinandersetzen und neigt zum Perfektionismus.“
Nun ja, das Leben endet ja nicht mit dem Abitur, aber das Scheitern ist sicher eine ganz sinnvolle Einrichtung, das sieht man ja auch bei Thomas Tuchel und dem FC Bayern München nach drei Niederlagen. Fußball kann sehr lehrreich sein. Die werden mir regelrecht sympathisch, die Bayern.
Der frühere Telekom-Chef war nur ein mäßiger Schüler wie man so hört, diese Informationen sind nicht oft leicht zugänglich. Ich kann mir zum Beispiel auch nicht vorstellen, dass Donald Trump einen Dreisatz beherrscht, dafür habe ich einen Blick. Bei Putin kann ich mir dagegen vorstellen, dass er den Taschenrechner zerstört, wenn ihm das Ergebnis nicht passt. Beides Fälle von ganz schlechtem Mittelmaß mit gierigen Händen und Worten voller Lügen. Leider auch noch ohne jede menschliche Komponente. Beide wurden schon als „unterhaltsam“ beschrieben, aber diese Fähigkeit dient nur eigennützigen Zwecken und nicht dem anderen.
Manchmal soll die Frage nach den Abschlussnoten in Bewerbungsgesprächen auch nur dazu dienen zu sehen, wie ein Bewerber mit der Frage bei nicht so guten Noten umgeht. Nicht immer geht es tatsächlich um die eigentliche Note wie im Bewerbungsverfahren für einen Studienplatz. Verständnis erntet man bei sportlichen Erfolgen neben der Schule oder bei ehrenamtlichem Engagement. Das zählt oft mehr als die bessere Note, davon bin ich überzeugt.
„Mittelmaß“ in der Musik, damit kenne ich mich nicht so gut aus, ich bin ja nur ein Hörer.
Was haben Taylor Swift, Lorde, St. Vincent, Lana Del Rey und zum Teil auch Pink gemeinsam? Einen Mann, der ihre Musik produziert!
Jack Antonoff ist Musiker und war mit seinen Kapellen fun und Bleachers allenfalls Mittelmaß, dafür kennt man ihn nicht. Auch dass er mit 17 mit seiner Klassenkameradin Scarlett Johansson befreundet war, ist nicht wichtig, auch die längere Beziehung zu Lena Dunham 2012-2018 nicht. Wichtig ist vielleicht eher, dass er gut mit Menschen, speziell den Frauen, umgehen kann. Er produziert fast ausschließlich Frauen.
Seit er 2013 mit Taylor Swift zusammenarbeitete, geht es steil bergauf. Bei Lorde´s Melodrama hieß es irgendwo er nutze ´leeren Raum zu einem spektakulären Effekt, während die Arrangements von starker Klarheit zu Delirium wechseln´. Ich höre das nicht. Seit 2019 produziert er auch Lana Del Rey. 10mal hat er einen Grammy gewonnen, 2022 bis 2024 gleich dreimal hintereinander.
Er sagt: „Wenn mich etwas verrückt macht, muss ich woanders hingehen und ich will nicht, dass diese Sache Yoga ist.“ Er hatte viel mit Depressionen, Angstzuständen und Zwangsstörungen zu kämpfen, vielleicht braucht er einfach Ablenkung, das wäre für mich verständlich.
Leider erzeugt er aber für alle diese Frauen Klänge, die sich für mich nicht besonders stark voneinander unterscheiden, ich habe Schwierigkeiten, das alles auseinanderzuhalten. Das passiert mir bei Miley Cyrus und Beyonce übrigens nicht, die produziert Jack nämlich nicht.
Die ZEIT schrieb 2017:
„Wäre Antonoff ein Maler, könnte man sagen: Er arbeitet mit vielen Farben und dicken Pinseln, und wenn er fertig ist, kippt er vorsichtshalber noch die Reste in den Töpfen über der Leinwand aus. Von ihm mitgeschriebene Songs erscheinen überfrachtet mit Synthieschichten, Klavier- und Schlagzeugklecksen, digitalen und tatsächlichen Chören sowie einem alles erdrückenden Fabrikhallennachhall – als wollten sie das ganze Soundspektrum der Achtzigerjahre in kleine Kompaktsinfonien quetschen.“ „Die erste Strophe eines Tracks beklaut Elton John? Schon bevor sich jemand darüber aufregen kann, guckt die zweite noch dreister, was es bei Phil Collins zu holen gibt.“
Jack Antonoff.
Es sind vielleicht nicht die Musikerinnen, die ihn brauchen. Es ist eher so, dass er sie braucht. Vielleicht ist er auch ein Fall von Mittelmaß, der gut mit verschiedenen Menschen umgehen kann.
Oder er hat einfach keinen eigenen Deoroller.
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