Zeit- und Lagebeziehungen

Zeit- und Lagebeziehungen

Das wird hier gleich ein richtiges Durcheinander, darauf könnt Ihr Euch schon mal mental einstimmen.

Früher, als ich noch jung war, da habe ich mich oft mit Lagebeziehungen beschäftigen müssen, schlimmer noch, auch andere. Von zwei Geraden im Raum („Zwei Flugzeuge am Himmel, wie groß ist der kleinste Abstand bei unterschiedlichen Fluggeschwindigkeiten“) zu Lagebeziehungen zwischen Gerade und Ebene („Wo liegt der Landepunkt eines Fliegers, wenn die Landebahn total schief ist“, ok Unsinn, aber es ist ja nur Mathematik), so etwas eben. Analytische Geometrie, Vektorrechnung, wenn Ihr einen Schauer über dem Rücken haben wollt. Zeitbeziehungen gibt es in Mathe nicht, vielleicht liegt es daran, dass sie mir noch öfter Schwierigkeiten machen.

„Zu viel lokale Lage“

Wenn man unterrichtet, hat man in der Regel mit 25 bis 30 jungen Menschen in einem Raum zu tun, das ist sehr schön und hat mir immer Spaß gemacht, gut, manchmal haben sie auch genervt, vor allem wenn sie gar nicht da waren, aber das waren Ausnahmen. In der Pause saßen im kleinen Lehrerzimmer dann 15, im großen 40 oder mehr. Einsam wird man da nicht, aber man kann dafür draußen allein rauchen gehen. Und wenn ich das dann an einem Tag acht Stunden lang mit wechselnden Themen und insgesamt mehr als 100 oder 120 verschiedenen Schülerinnen und Schülern hinter mir hatte, dann war ich um 15 Uhr ausgepumpt und müde, dann brauchte ich Kaffee, Zigaretten, leise Musik und schlicht zwei Stunden meine Ruhe, keine Gespräche, gar nichts. Wenn einen in dieser Pausenphase dann noch stapelweise zu korrigierende Klausuren angrinsen, macht das die Sache nicht entspannter. Nein, es geht nicht ums Jammern, es ist der schönste Beruf der Welt.

Gestern bei der Demonstration gegen Rechts ging es mir wieder genauso. Mit der besten Ehefrau von allen, die ich je hatte und einem Vierbeiner zweieinhalb Stunden durch die Stadt zu gehen, das strengt mich an. Es sind immer Menschen, die sich in dieselbe Richtung bewegen und man ist mittendrin. Das ist vielleicht nicht nachvollziehbar, aber nach 30 Minuten muss ich dann mit dem Hund auf den Bürger- und Bürgerinnensteig und etwas durchatmen, zu viel lokale Lage sozusagen. Nach 10 Minuten geht es dann wieder für die nächste halbe Stunde. Es ist menschlich, immer einen Fluchtweg offen zu halten.

Und die Demotouristen, ganz großartig, aber ich verstehe die sehr gut. Früher habe ich auch im Cafe gesessen und bei einer Demo zugeschaut, ob ich jemanden erkenne. Heute nervt mich das bei anderen, das ist sozusagen wieder das „Sehen und Gesehen werden“, aber ohne dabei zu sein, sehr amüsant. Es gab auch wieder Schilder mit „Nazis töten“ und „Die CDU ist unser Feind“ bis zu „Bildet Banden!“, kennt man ja. Schön hingegen ist die riesige Mehrheit mit „Bildung hilft“ oder „Menschenrechte statt rechte Menschen“. Das könnte auf Englisch schwer zu verstehen sein.

Und beim Gehen muss meine Frau immer rechts von mir gehen, anders kenne ich das nicht und ich will mich auch nicht mehr umstellen. Den Hund führe ich immer links. Der will dann oft in die Mitte. Fragen der Lage sind auch für Hunde nicht unwichtig. Wenn jemand links von mir gehen und sich unterhalten möchte, dann müssen wir das im Stehen tun. Ich kann nur nach rechts sprechen und rechts hören. Die Ohren sind noch super, es scheint eine andere Störung vorzuliegen. Das ist jetzt in keinster Weise politisch gemeint, um Gottes Willen! Ich will doch nur, dass der andere, die andere sich nach links wenden kann.

„Zeitlich zu lange Lage“

Ich habe Probleme mit einem fünfstündigen Tennis-Match. Auch wenn es spannend sein sollte, es ist mir einfach zuviel Lebenszeit um zum Schluss ein Ergebnis zu haben, das mich freut oder enttäuscht. Große Gefühle sind nicht abhängig davon wie lange ein Ereignis andauert. Vergangene Zeit und positives Empfinden sind nicht proportional zueinander, um das mal in die Zahlensprache zu übersetzen. In sehr kurzer Zeit kann man sogar extrem negatives Empfinden auslösen, das ist dann antiproportional. Dass Zeit und Empfinden im positiven Bereich sich nicht proportional zueinander verhalten, gilt auch für private Treffen und Zusammenkünfte. Sicher, es kann im Falle einer Einladung zu Kaffee und Kuchen einfach ein toller Nachmittag sein, der überraschenderweise erst gegen 22.00 sein Ende nimmt. Ob das nun bei uns oder anderswo stattfindet, das ist ganz egal. Normalerweise bewegt sich ein Treffen mit Kaffee, Tee und Kuchen im privaten Rahmen in einem Zeitfenster zwischen 15:00 Uhr und 18:30 Uhr. Das ist schon eine großzügige Fenstergröße, für mich geradezu ein riesiges, teures, breites Fenster mit Schiebetüren hinaus zu einer Terrasse einer Villa in München-Grünwald.

Auf Deutsch: Einladungen zu K&K haben von spontanen Abweichungen abgesehen, einen Zeitrahmen, der drei Stunden nicht übersteigen sollte.  Nach zweieinhalb Stunden werde ich schon etwas unruhig, der Hund wird nervig, weil er zu wenig Ansprache erhält, die Hummeln in meinem verlängerten Rücken summen vernehmlich. Nein, ich bitte keine Gäste zu gehen, nie. Selbst eingeladen mahne ich spätestens nach 3 Stunden zum Aufbruch, ich denke auch, dass man irgendwann stört, wenn man nicht wieder geht. Es gibt hier aber Fälle, bei denen sich Kaffee und Kuchen bis 21 Uhr ausdehnen, dann muss man als Gastgeber vorher schon eine Suppe oder etwas Herzhaftes als „Schwänzchen“ in petto haben. Muss nicht. Ob ich so etwas einführe wie „ich muss unbedingt um 18:30 wegen der Sportschau zuhause sein“? Das machen ja andere gern, finde ich auch nicht schlimm, aber bei mir trifft es nicht zu. Die Sportschau ist auch zu lang. Vielleicht lege ich mir da doch etwas leicht Zwanghaftes zu, in manchen Fällen kann das ja praktisch sein. Andere Lösungsvorschläge?

2,5 Stunden sind nett und sie reichen auch, dann sieht man sich eine oder zwei Wochen später gern erneut. Ist doch gut. Geht das “ Match“ jedoch über 5 bis 6 Stunden, möchte ich das ungern jede Woche wiederholen, avete capito?

Abschließend zu „zeitlichen Lagen“ eine endgültige Antwort zu Fragen der Pünktlichkeit: Zu früh ist auch unpünktlich, das geht niemals. Da ist es besser man erscheint 5 oder 10 Miinuten zu spät, das verschont den Gastgeber vor Hektik. Eile ist auch für Gäste nicht geboten, wenn es um 3 Minuten geht. Kein Gastgeber wartet am Hillary Step des Mount Everest, die sitzen im Sessel und sehen in der Küche auf eine Uhr, also sind 5 Minuten Verspätung keine Katastrophe. Ich empfehle sie sogar.

Ach, das erinnert mich wieder an einen Freund, der nie zu spät kommen wollte und daher immer zu früh war. Er plante für die Fahrt nach Hamburg grundsätzlich eine Reifenpanne ein, also mindestens 120 Minuten. Man braucht ca 50 Minuten. Wenn er dann keine Panne hatte, war er eben deutlich zu früh, 70 Minuten nämlich. Da geht man in ein Cafe und liest eine Zeitung, man erscheint nicht früher als verabredet. Man ruft auch deshalb nicht an, ob man früher kommen kann. „Man“, das bin aber nur ich.

Ich war einmal eine Minute zu spät als wir eine kleine Radtour machen wollten, ich konnte ihn schon neben dem Rad stehen sehen, aber eine WhatsApp-Nachricht, wann ich komme, hatte ich schon. Irre, was? Ich würde 15 Minuten warten, dann frage ich nach, nicht vorher.
Das mit „zwei Tage zu früh angekommen“, das lasse ich weg, obwohl das lustig ist, solange man nicht betroffen ist. Hach, wie gut, das hatte ich alles schon total vergessen.

Eine kleine Ergänzung zu den Lagebeziehungen, nunmehr im vertikalen Problembereich: Ich habe noch keinen sogenannten Burger gegessen, ich habe zweimal abgebissen, das war 2003 auf dem Weg nach Dänemark und 2023 in der Innenstadt von München. Ich verstehe nicht, warum man das nicht alles nebeneinander auf einem Teller anrichten kann. Dazu Messer und Gabel, wäre super.

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