*Vollmilch, frisch, kalt*

Natürlich kann man Schwieriges und mit Problemen Behaftetetes besser behalten als alles Leichte und Erfreuliche. Das gilt zwar nicht für Mathematik aber für Reiner, der vor langer Zeit zu unserer kleinen, privaten Mathematikarbeitsgruppe gehörte.
Vermutlich haben wir mehr in Cafés und auf frisch gemähten Rasenflächen bei ‚Planten Un Blomen‘ gelernt als in trockenen Vorlesungen und nüchternen Seminaren. Beim typischen Wetter in Hamburg saßen wir zum Beispiel im Café ‚Schöne Aussichten‘. Das kann man wörtlich nehmen, weil dort nämlich alle Models arbeiteten, die es zu Unrecht nicht ganz bis nach Paris geschafft hatten. Der Name war Programm, der Kaffee eher schlecht, die Fenster nicht immer klar und rein. Aber hinaus sah ja sowieso niemand. Jedenfalls kein Mathematiker.
Wir hatten dafür ja unsere Topologie oder die n-dimensionalen Räume!
Reiner bestellte stets dasselbe:
„Ich hätte gern ein Glas mit frischer, kalter Vollmilch!“
Entweder schwebte die elegante Dunkle dann mit H-Milch ein, die er nach einem ersten Schluck konsequent zurückgehen ließ, oder die in Schwarz gewandete Blonde mit dem hüpfenden Hochzopf gestand, dass es keine frische Vollmilch gäbe. Das Ergebnis war immer dasselbe, in jedem Café, bei jedem Model, Reiner trank ersatzweise ein kostenloses Glas mit frischem, kaltem Leitungswasser, das er als Alternative orderte.
Reiner war nämlich sparsam.
Als wir einmal bei ihm in der für Studenten sehr geräumigen 3-Zimmer-Wohnung saßen, hatte ich plötzlich auch Lust auf ein Glas mit frischer, kalter Vollmilch. Hatte er aber nicht. Reiner trank nämlich gar keine Milch, Reiner rauchte auch nicht, Reiner trank Tee, Reiner war nämlich klug.
Ich finde eine 2-Raum-Wohnung besser, wenn man erstens auch Tee bestellen kann und zweitens einen engeren Kontakt zu freundlichen Models durch ein klitzekleines Trinkgeld aufbauen kann. Dann verdrehen die beim nächsten Besuch die schönen, ungeschminkten Augen nicht so.