*Junge oder Mädchen*
Das ist schon Ewigkeiten her, könnte man sagen, als unser ‚Sonntagskind‘ geboren wurde und ich am Montagmorgen wieder den Kaffee im Lehrerzimmer machte.
Ich war da gern schon früh um 7, dann musste man an den Kopierern nicht Schlange stehen und konnte in Ruhe Kaffee trinken und rauchen und die Hektiker beim Training beobachten.
Und Hartmut, Gott hab‘ ihn selig, kam oft kurz nach mir. Hartmut war ziemlich voluminös und die Sessel entsprechend knapp. Hartmut, der kannte sich mit allem aus, von „Bluechips“ bei Aktien über Geschichte bis zum Fußball.
Vorbereitung auf den Unterricht hatte der gar nicht nötig. Der war chronisch unterfordert, glaube ich.
Aber das mit der Bewegung fiel ihm eben schwer. Manchmal fragte er dann so etwas wie:
„Ist heute Mittwoch?“
Und wenn ich das beim Morgenkaffee bejahte, dann fing er an, in einem alten Deutschbuch zu blättern. Meistens wusste ich schon, was folgte:
„Hast Du mal ein leeres Blatt?“
Dann nahm er das leere Blatt und schreib ein paar Zeilen, riss anschließend eine Seite aus dem Deutschbuch und bat um Klebstoff.
Dann klebt er die ‚deutsche‘ Seite unter seinen Text und fragte:
„Musst Du noch zum Kopierer?“
Meistens musste ich nicht mehr, aber ich bin dann gern nochmal los und habe die Kopien gemacht, geht ja schnell. Er hatte dann wieder vergessen, die Klausur zu entwerfen.
Aber die Fragen war auch so klar und auf den Punkt gestellt, die Schrift schwungvoll und gut lesbar.
Vor der dritten Frage sagte ich nach Jahren der Erfahrung auch schon mal „Gib‘ her.“ Das sagte ich auch öfter, wenn ich seine Augen hinter den Brillengläsern schlecht sah.
–
Es war ja jetzt der Montag nach der Geburt und er fragte nuschelnd wie immer:
„Was isses denn geworden?“
„Ein Junge! ‚Henri Valentin‘ heißt er, es war ja Valentinstag.“
„Ah, ’n Junge“, sagte er, der selbst zwei hatte, mit einem tiefen Ausatmen.
„Mir war das egal, Hartmut, Du findest Mädchen besser?“
Dann atmete er wieder ein paar Mal. Manchmal schlief er auch unvermittelt wieder ein, aber er hatte nur nachgedacht, die Augen waren nämlich offen geblieben.
„Nein, aber pass auf, das ist so:
Einem *Mädchen* sagst Du an einer Straße, dass das gefährlich ist und dass sie links und rechts schauen soll und dann erst rüber gehen kann. Dann macht die das immer so.“
„Und bei einem … *Jungen*?“
„Einem Jungen sagst Du das an *jeder* Straße.“