Das Leben ‚auf‘ der Stammtankstelle

Das Leben ‚auf‘ der Stammtankstelle

Kürzlich hat jemand geschrieben, dass er sich über den neuen Begriff „Stammtankstelle“ gefreut hat. Das hat mich etwas gewundert, weil er nämlich aus Berlin schrieb und denen fallen ja immer neue und lustigere Wörter ein. Nur die Taxifahrer, die reden immer noch so wie früher. Mir ist einfach kein besseres Wort als „Stammtankstelle“ eingefallen.

An meiner Tankstelle gibt es nämlich drinnen kein WLAN und wegen des Stahlbetons hat man nur ganz am Fenster bei dem Regal mit den Kuscheltieren etwas Empfang, aber der ist trotzdem schlecht. Man kann sagen, dass an der Tankstelle immer noch 1995 ist. Nur dass die, die da arbeiten, 1995 teilweise gar noch nicht geboren waren.

Aber sie wissen durch ihre Arbeit jetzt, wie es sich anfühlte, 1995 zu leben. Damals hat man zum Beispiel mehr miteinander gesprochen als heute.

Zusätzlich kann man den jungen Frauen, die da arbeiten, auch erzählen, wie was in den 70ern bis in die 90er war.

Das Gute ist ja, dass die da jobben, die können also vor dem Schichtende gar nicht weg. Das ist fast wie früher in der Schule, die konnten auch erst weg, wenn es geklingelt hatte.

Wenn man nicht weg kann, ist das auch belastend, glaube ich.

Mich hat vor 35 Jahren mal einer im Fahrstuhl im Philosophenturm in Hamburg gefragt, ob ich an Gott glaube. Ich war auf dem Weg in den neunten Stock und der Fahrstuhl war noch in der Beschleunigungsphase!

Das war nicht so witzig, andererseits hat der Philosophenturm damals angeblich die höchste Selbstmordrate in Hamburg gehabt. Deshalb habe ich die Frage auch nicht spontan beantworten wollen. Man weiß ja nicht, wo Leute hinwollen, wenn sie solche Fragen stellen.


„Letztens wollte ich meinen ganzen Kummer ertränken ….. aber meine Frau wollte partout nicht ins Wasser.“


Das hat Alexander morgens an der Tankstelle wieder losgelassen.

Der arbeitet mit dem Pascal auf dem Bau, im Moment machen die eine Autobahn. Also die sind nicht ganz allein dabei, aber es dauert trotzdem etwas.


„Wo sehen Ehefrauen am besten aus? Auf alten Bildern.“


Das hat dann sein Freund gesagt, die werfen sich sozusagen morgens solche Betonbrocken zu, aber das tut nur denen richtig weh, die gar nicht da sind.

Ich gehe mal davon aus, dass die beiden zuhause ziemlich nett und folgsam sind. Andererseits können sie sich ja tagsüber auch am Beton relativ gut abreagieren. Ein Uhrmacher zum Beispiel hat es da mental nämlich deutlich schwerer. Ein Zahnarzt kann sich wenigstens beim Bohren vorstellen, dass er die Wurzelbehandlung an seiner Frau vornimmt. Der kann sich eigentlich trotz filigraner Werkzeuge gut abreagieren. Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht, das fällt mir jetzt beim Schreiben auf.

Vermutlich haben Zahnärzte eine geringere Scheidungsquote als zum Beispiel Uhrmacher obwohl sich ihre Tätigkeiten äußerlich gar nicht wesentlich unterscheiden.

Naja, also die fahren schon unterschiedlich teure Autos, aber das meinte ich jetzt gar nicht.

Alex‘ Freund nennen wir nur „Die 5“, weil er morgens mit dem Bus kommt. Er kommt nämlich wirklich mit der Linie 5 aber er sagt „mit die 5“. Der weiß ganz genau, dass das sprachlich falsch ist, aber der macht das trotzdem.

Ich glaube, dass das besonders viele Männer tun, also Sachen ‚trotzdem machen‘ obwohl sie wissen, dass die falsch sind. Meine Frau, die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, würde nie Sachen machen von denen sie weiß, dass die falsch sind.

Sie würde die nicht mal machen, wenn ich die richtig fände.

Zum Beispiel habe ich mir einen neuen gebrauchten Klappstuhl aus weiß lackiertem Holz gekauft.

Das war wieder falsch.

Andererseits hat man damit quasi die Rasenfläche an der Außenalster in Hamburg im Kofferraum. Das ist ein ganz erhabenes Gefühl, wenn man weiß, dass man den rausholen kann und dann wird das richtig entspannt. Außerdem ist Entspannung auf weiß lackiertem Holz schon etwas anders als auf schwarzem Stoff von IKEA.

Ich habe den alten Stuhl von IKEA nämlich auch noch. Wenn den also jemand braucht, ich würde den verkaufen.

Das ist ein super bequemer Regiestuhl, ich sage mal, dass ich gern 25€ dafür hätte, aber nur von denjenigen, die die alte Geschichte über den Klappstuhl nicht gelesen haben, weil da nämlich drinstand, was ich dafür bezahlt habe.

Das war jetzt wieder ein Beispiel für eine Sache, die ein Mann macht obwohl er genau weiß, dass das falsch ist.

Meine Frau würde jetzt ganz laut sagen:
„Das kann man doch nicht machen!“

Sie betont dann gern das letzte Wort im Satz und zieht die Stimme etwas hoch.

Dann kann ich gar nicht zuhören, was sie sagt, weil mich das an den Gesangsstil von Bob Dylan zwischen 2005 und 2009 erinnert. Das war auch eine sehr, sehr anstrengende Zeit.

Leider glaube ich, dass Männer manche Dinge ausgerechnet deshalb machen, weil ihre Frauen sagen, dass man die „nicht machen kann“.

Jedenfalls könnte es sein, dass das dann deutlich mehr Spaß macht.

Ich weiß übrigens gar nicht, ob Bob Dylan zwischen 2005 und 2009 verheiratet war, weil der ja nicht darüber spricht. Der spricht eigentlich fast gar nicht, wenn er Leute nicht gut kennt.

Es könnte aber gut sein, dass er eine Frau hatte, die gesagt hat „lass‘ das mal mit diesem upsinging, das nervt“.

Und das ist auch so ein Typ, der das dann trotzdem weitermacht.

Ach, die Tankstelle, habe mich mal wieder im Unterholz verlaufen.

Wobei man bei „Holz“ ja von den Angestellten trotzdem nicht weit weg ist.

An sich kennt sogar der Hund alle, die da morgens reinkommen. Es gibt nur einen einzigen, der so richtig nervt, dessen Name wird mit seiner Autonummer codiert. Der hat zu allem etwas zu sagen, aber nur Negatives.

„Tattoos sind asozial“, hat der neulich zu Lara gesagt. Und die Lara ziemlich viele großflächige Tattoos, also „groß“ im Verhältnis zu ihrer nicht so großen Oberfläche.

So ist der immer, man könnte sich über den richtig aufregen. Aber über den kann man eben hinterher auch gut sprechen. Und wenn der zwei Wochen nicht da war, dann fragen alle wo denn „XX 69“ bleibt.

Aber wenn der dann wieder kommt, dann wollen alle, dass der schnell wieder geht. Das ist so bei schwierigen Fällen. Der kann einem schon leid tun.

Muss jetzt Schluß machen, weil Frau Hahn gerade reinkommt. Sie kommt immer um 8:10. Heute müssen wir noch über den neuen Borowski-Tatort sprechen, der läuft heute um 20:15 in der ARD.

Mittwochs bleibt Frau Hahn nur 30 Minuten, weil der Eiermann dann kommt. Sonst bleibt sie eine Stunde. Sie sagt, dass nirgends die Zeit so schnell vergeht wie an der Tankstelle.

Sie ist schon 80.

Und wenn sie um 8:20 noch nicht da ist, dann rufen die von der Tankstelle bei ihr an. Das kommt höchstens einmal im Monat vor.

Speziell, wenn am Vorabend Champions-League im TV lief.

Patricia

*Patricia*
Wenn Frauen sagen, dass sie über etwas nicht sprechen wollen, dann sollte man als Mann für die nächsten Minuten schon mal auf Empfang bleiben.

Heute war ich wieder bei Lidl, voll gut, habe schon von draußen die Tattoos auf den Kassentasten gesehen. Frau Müller hatte die Spätschicht.

Manchmal hat man eben dieses unverschämte Glück. Heute musste ich wieder drei Leggings zurückbringen, die die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, für die Kurze mitgenommen hatte. In Grau und Weiß, mein Gott, die Kurze trägt doch nur schwarze Leggings. Aber als Umtauschkunde bin ich durchtrainiert.

Jedenfalls bin ich dann rein und habe Frau Müller gesagt, dass sie mir nicht passen, aber die hat nur gesagt: „Heute wird nix getauscht.“

Das hat mich dann trotz meines Ausrufes „Frau Müller!“ eigentlich sprachlos gemacht. Ich durfte die Leggings dann aber an ihre Kasse legen und sie hat mir sogar das Tor an der Nebenkasse geöffnet. So ist sie eben, meine Frau Müller.

An der Kasse habe ich dann erstmal drei „Kleinkunden“ mit weniger als 10 Artikeln vorgelassen, damit ich Frau Müller in Ruhe interviewen kann.

Sie hatte nämlich nicht mehr das übliche „Frau Müller“-Schildchen sondern eines mit „Patricia M.“.

„Patricia“ ist ein wundervoller Name, oder?

Und wie immer, wenn ich etwas frage, hat sie wie üblich „darüber will ich nicht sprechen“ gesagt als ich fragte, was denn mit dem „Frau Müller“-Schild passiert ist.

Wie immer habe ich dann nur gegrinst und habe die Empfangsfrequenz beibehalten. Das dauert nur Sekunden, dann hat man bei Frauen nach „nicht sprechen“ wieder Empfang. Bloß nicht mit „Och, schade“ oder „bitte, bitte“ oder so kommen, dann ziehen die das nur länger raus und reden erst nach 5 Minuten wieder.

„Ist wegen Datenschutz“, hat Frau Müller plötzlich rausgeschossen.

„Hach, Frau Müller, das ist ja totaler Quatsch, denn ich weiß doch, dass Sie Müller heißen. Im Gegenteil, ich weiß jetzt doch noch mehr als *vor* dem Datenschutz, ….. *Patricia*. Oder soll ich „M“ zu Ihnen sagen wie bei James Bond?“

„Mir egal, aber es ist noch viel schlimmer, ich muss jetzt zu meiner Chefin *Corinna* sagen. Und die duzt mich jetzt auch, müssen wir, das ist neu. Alles wegen Datenschutz.“

„Und was sagen die Kunden jetzt zu Ihnen?“

„Na, ‚Müller‘.“

Die Patricia kann richtig toll die Augen rollen.

Und dann hat sie noch gesagt, dass man „weniger Respekt hat, wenn man Chefs duzt“.

Die Patricia, die ist echt cool.
Frühschicht erst wieder am Montag.

Das „P“ am Auto

*Das „P“ am Auto*
Ich finde Senta Berger immer toll.
Und ich fand sie früher aus anderen Gründen toll als heute. Aber toll ist die auch heute mit 75.

Gestern war sie in der NDR-Talkshow, die habe ich aufgenommen und daher live nicht so ganz genau aufgepasst. Heutzutage schreibt man ja beim Fernsehen eMails und im TV verpaßt man dabei sehr selten etwas.

Jedenfalls hatte sie die Idee, dass an einem Auto hinten ein „P“ aufleuchten sollte. Das ging so hin und her, damit derjenige, der langsam hinterherfährt, Bescheid weiß und so und vielleicht daneben parken kann.

Ich hatte die Vorstellung, dass das leuchtende „P“ an Heck „Suche Partner“ bedeuten soll . Darauf kommt man zuerst, wenn man Senta Berger zuhört. Allein dieses Wienerisch, es wäre auch im Radio ein Genuß.

Das mit der ‚Partnersuche‘ habe ich dann die aufmerksame beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, gefragt. Also ob das „P“ in der Senta-Idee „Suche Partner“ heißen soll.

„Hör‘ doch mal zu!“, hat sie gesagt.

„Das soll heißen ‚Suche Parkplatz‘!“

Ich fand das mit der Partnersuche viel besser, weil man dann nicht wie bei diesen Online-Plattformen die Senta im Sack kauft, sondern gleich weiß, wie die fährt.

Ich glaube, dass Senta Berger immer noch ziemlich zügig fährt. Es kann sogar sein, dass sie dicht auffährt.

Das glaube ich zum Beispiel bei Claudia Michelsen nicht. Die finde ich noch besser als Senta Berger.

Die spielt in „Polizeiruf 110“ eine beinharte Kommissarin auf einem schweren Motorrad. Mit der verpasse ich keine Folge und ich interessiere mich gar nicht wirklich für Motorräder.

Aber die Michelsen ist ziemlich ängstlich in der Realität und musste das Motorradfahren auf abgesperrten Straßen erst üben.

Das hat sie mal bei „III nach 9“ erzählt.

Ich sehe gern Talkshows.

Leider wird es immer seltener, dass ich die Leute kenne, die die einladen.

Transcendental Blues

*Transcendental Blues*
Warum das jetzt „Blues“ heißt, weiß ich auch nicht.

Aber ich hatte gerade Steve Earle in den CD-Player geschoben und das war gut. Es war nur seine CD, nicht er selbst. Er passt nicht in den Schlitz, viele Jahre schon nicht mehr. An sich hätte ich die Bemerkung nur bei Taylor Swift machen müssen.

Jedenfalls wollte ich vorgestern „Schweigeminute“ nach Siegfried Lenz im TV aufnehmen aber die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, hat gesagt, dass das kleine Kind irgendwas im Disney Channel parallel aufgenommen haben will während meine Frau irgendeinen „Bügelfilm“ live sehen wollte.

Das ist dann eine Sendung zuviel, auch weil mein Rechner sich parallel noch mit Musik beschäftigt.

Und dann habe ich eben ganz kurz so ein stöhnendes Geräusch gemacht, weil „Schweigeminute“ nur zu dieser Zeit lief. Es war wirklich nur so kurz im Rachen und etwas kratzig, weil ich gerade vom Rauchen im Regen kam.

„Sei doch nicht immer so negativ„, hat sie dann gesagt.

Da habe ich mir dann selbst lieber eine Schweigeminute verordnet und meine programmierte Aufnahme der anderen „Schweigeminute“ gelöscht.

Früher hatte ich für jede Oberstufenklasse immer einen Weihnachtskalender in „meinem“ Unterrichtsraum. Da war dann eine Wand fast voll, weil ich meistens 12 Klassen unterrichtet habe. Da standen dann auf den Türchen mit Edding die Namen und in der ersten Minute wurde der Kalender rumgegeben damit der Betreffende seinen Schokoladenengel aus dem 99ct Kalender rauspulen konnte.

Egal, der Direktor meinte, das passe nicht in einen Unterrichtsraum für 17-20jährige. Ich durfte aber die eine Grünpflanze, die die am Fenster immer gegossen haben, stehenlassen. Ich glaube aber nicht, dass der die Grünen gewählt hat, der war eher so der Typ für eine Versicherung.

Und weil ich jetzt keine Klassen mehr habe, mache ich so einen Kalender eben für meine Stammtankstelle fertig. Das passt genau, weil da 11 „Mädchen“ arbeiten und der Chef ist ein Mann, also zwei Türen für jeden bei 24 Türchen.

„Der vom letzten Jahr war aber viel schöner!“

„Ich will aber einen mit Lakritz!“

„Ich bin am 4ten und am 19ten dran! Voll doof.“

„Warum hat Sina den 24ten mit dem großen Stück bekommen?“

Kennt Ihr „Killing The Blues“, gesungen von Shawn Colvin? Da hört man mit guten Lautsprechern sogar das Knarren der Holzdielen auf dem Bühnenboden.

Kopfkino

*Kopfkino*
Also ich habe da seit vielen Jahren ein Phänomen, das meine Frau, die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, nicht versteht.

Immer, wenn ich eine neue 500g Packung Kaffee aufreiße und die 500g in die alte Dose schütte, bin ich Steve Martin in „Dead Men Don’t Wear Plaid“ oder „Tote tragen keine Karos“.

Der Film ist nun wirklich schon älter. Aber wenn meine Frau den Kaffee aufgefüllt hat, ärgert mich das schon, weil mir dieses Privatdetektivgefühl entgangen ist.

Genauso ist das, wenn ich eine wenig befahrene Straße mit leichter Steigung hochgehe. Dann bin ich gleich in „Paris, Texas“ und habe das Gefühl, dass mir nur noch eine rote Kappe fehlt. Im Norden gibt es weniger Steigungen als neue Kaffeepackungen, deshalb denke ich auch an Nastassja Kinski seltener als an ein „Cleaning Woman“.

Das ist etwas schade.

Halloween zum Beispiel muss ich an alle Dracula-Filme denken sobald ein Kind mit einem schwarzen Umhang klingelt. Meistens steht mir gedanklich dann Nastassjas Vater mit langen Fingernägeln gegenüber.

Das ist fast so wie mit Igeln:
Bei wirklich jedem echten Igel, den ich sehe, auch überfahren auf der Landstraße, kommen Friedrich Dürrenmatt und Gert Fröbe in „Das Versprechen“ gedanklich von einer Tankstelle.

Danach kommt der Appetit auf einen Schokoladenigel.

Wo bekommt man Schokoladenigel?

Meine Frau denkt manchmal an „Harry & Sally“, weil sie Meg Ryan so gern mag. Also die erste Meg Ryan, nicht die zweite nach den Korrekturen.
Jedenfalls liebt sie die Szene mit der „Sahne auf einem Extrateller“.

So etwas hätte ich auch vermutet, wenn ich sie nicht gefragt hätte.

Und Ihr? 🙂