„Da hinten wird’s heller“ oder „Lehrer“

„Da hinten wird’s heller“ oder „Lehrer“
Manchmal muss man sie auch glücklich machen.

Jedenfalls haben wir den schlanken, sehr alten Physiker in seinem stilvollen weißen Kittel des Öfteren beim Experimentieren glücklich gemacht, wenn wir Naturkonstanten bestimmen mussten. Da gab es stets viele Unwägbarkeiten technischer wie experimenteller Art, so dass die wahren Werte meistens nur recht ungenau zu ermitteln waren.

Also haben wir die exakten Werte aus den Büchern genommen und die Werte der Größen, die wir messen sollten, gefälscht. So ganz banal ist das nicht, er durfte das ja nicht merken in den Messreihen, denn seine Enttäuschung von uns wäre größer gewesen als seine physikalische.

Unwissenschaftlich war das auch nicht, das machen Forscher ja teilweise heute auch, wenn ihre Werte gegen Veröffentlichung sprechen. Und wir wussten ja auch, warum wir es tun.

Wenn alles richtig gut klappte in Physik, dann lief er in die Sammlung zu seinem Kollegen und gurgelte mit seiner heiseren Stimme:

„Fantastische Werte in meinem Kurs, fantastische Werte für die Gravitationskonstante, Herr Kollege!“

Das war besser als eine 1 in der Klausur, wenn er sich so freute.

Schließlich warnte er uns dafür vor ‚Coca Cola‘, wenn einer eine Dose sehen ließ:

„Passen Sie auf, da ist Kokain drin. Ist aber gut gegen Husten.“

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Ein anderer, das war schon in der Mittelstufe, gab Erdkunde, Geschichte, Biologie, Physik und Chemie. Die letzten drei ohne Experimente, er hatte das auch nicht studiert vor den Zeiten des Lehrermangels. Aber das sind alles „Kurzfächer“ mit einer oder zwei Wochenstunden. Bei 24 Stunden wöchentlich kam der vermutlich auf knapp 300 zu unterichtende Schüler und und damit auf 2000 Klassenarbeiten jährlich. Dass Deutschlehrer oft klagen, ist ja berechtigt, aber die haben auch keine 14 Klassen zu unterrichten.

Der Besagte kam in jede Stunde, lutschte erst am Kuli, öffnete dann sein Buch des Grauens und sagte zum Beispiel zu mir:

„Du, leg‘ die Platte auf.“

Natürlich konnte er sich keine Namen merken.

Das bedeutete, dass man die Inhalte der letzten Stunde rekapitulieren sollte. Das dauerte nie lange, zwei Minuten höchstens, dann malte er eine 4, eine 5 oder eine 6 und grinste, nachdem er keine Antwort in zum Beispiel Erdkunde zu Chile bekam …. nachdem ich nur Brasilien und Argentinien erwähnt hatte.

Dann ging es mit Chile im Unterricht weiter, man konnte an der Stiftführung *immer* erkennen, welche Note er malte. Auch mehrere Sechsen hatten keinerlei Auswirkung auf die Endnoten.

Der wusste einfach nie, was er in der letzten Stunde gemacht hatte. Das habe ich erst zehn Jahre später verstanden. Ich glaube auch nicht, dass der jemals etwas eintrug.

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Richtig cool war Harry L., der eigentlich schon erimitierte Professor für Theoretische Physik. Der rauchte Lord und er konnte nach 45 Minuten Vorlesung die Schachtel Lord *blind* kurz unter die Decke werfen und blind wieder auffangen, irre.

Das können nur Theoretiker.

„Kleine Pause?“

Mit dem konnte man in der Pause über Fußball oder irgendetwas reden, aber nicht über Physik, da wurde er wortkarg und verwies auf seine Sprechstunde.

Ich wollte dann unbedingt den „Ulysses“ von Joyce lesen, fand aber nicht die Disziplin dazu. Also habe ich Theoretische Physik II-Elektrodynamik bei ihm ein zweites Mal belegt, um in der letzten Reihe jede Woche ‚Ulysses‘ zu lesen. Das habe ich ihm gesagt, damit er nicht denkt, ich würde seine Vorlesungen nicht schätzen.

„Aber die Pausen machen Sie doch wieder mit, oder?“ hat er gefragt und die Lord bei „oder?“ aufgefangen.

Dann habe ich ihn als Prüfer genommen.

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Als Kollegen hatte ich dann später ‚Richie‘, eigentlich Richard. Der bewertete gern im kleinen Lehrerzimmer für Raucher das Aussehen seiner Schülerinnen mit Punktewertungen von 0 bis 15. Wie in den Arbeiten war er da für meine Begriffe etwas arg großzügig, zusätzlich gehörte sich weder das Eine noch das Andere.

Der bewegte sich auch in Pausen ungern, also habe ich dem auch mal die Brille geputzt oder den Kaffee gebracht. Manchmal dachte ich, man müsste ihn aus dem Stuhl mit den Armlehnen herausschälen, aber das stimmte gar nicht.

Da hatte es nämlich einmal an der Tür geklopft und da standen drei Schülerinnen und wollten ihn was fragen. Das habe ich ihm gesagt, dass da ‚jemand‘ was von ihm will, aber meinte nur „Och nö, ich les‘ doch grad‘.“

„Es sind *15 Punkte*, Richie!“

Boah, der war schnell wie ein Karnickel. Ganz fix war der behende an der Tür und draußen bei seinem Punktepool.

Danach kam der sauer wieder zu seiner Zeitung zurück:

„15 Punkte? Mann, Martin, die sehen anders aus.“

„Alle drei zusammen, Richie, 15 Punkte! Alle zusammen!“

Schade, er hat keine Schönheitspunkte mehr vergeben, möge er in Frieden ruhen.

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Und am Schuljahresende gab es dann die Lehrerfahrradtour mit zwei Übernachtungen im Zelt und Bier und Grillkohle. Frauen waren nie dabei, aber es hat auch nie eine gefragt, ob sie mitfahren darf.

Das wäre auch schwer zu beantworten gewesen und ich glaube alle waren froh, dass jahrzehntelang keine Antwort notwendig wurde.

Einer der besten und schnellsten Radler war Joachim mit seinen 24 Gängen. Immer vorn, immer motiviert, immer Führungsrolle, aber trotzdem nett. Der hatte als einer der ersten schon ein Handy! Da musste er immer rangegehen, wenn seine Frau anrief. Ich glaube, dass der zuhause nur auf Platz 2 lag, aber das geht ja auch noch.

Jedenfalls war die Strecke für den Tag 80 Kilometer lang und es regnete in Strömen aus dunklem Himmel. Erfrischend ist das bei 5 Minuten schon, bei drei Stunden vergeht das Gefühl zügig. „Anhalten“ war für Weicheier wie mich und kam gar nicht in Betracht. Ich selbst kann ja im Regen stundenlang unter einem Baum stehen wie ein Pilz.

Aber Joachim rief alle 15 Minuten nach hinten zur Nassgruppe:

„Da vorn wird’s heller, Männer!“

Das nervt dann schon, wenn man das zehnmal gehört hat, aber nicht heller wird.

Dann sagte der Hausmeister rollend neben mir als ich mit dem Augen rollte:

„Pass‘ auf!“

Dann kramte der sein Handy aus der Regenjacke und tippte.

Dann hat das offenbar geklingelt irgendwo. Joachim bremste ab, alle rollen vorbei und er ruft noch hinterher „Gebt Gas, ich hol‘ Euch trotzdem ein!“

Und als der eifrige Joachim dann sein Handy aus dem Rucksack vom Gepäckträger rausgewühlt hatte und man ihn kaum noch hinter uns sehen konnte, da sagte der Hausmeister in sein feuchtes Handy:

„Du, Achim, da vorn, da wird’s heller!“

Joachim war schweigsam am ersten Abend.

B-Lehrer

*B-Lehrer*

Kürzlich wurde ja ein Freund von mir am Papiermüllcontainer in seinem Dorf angesprochen als der einige gefaltete große Kartons hineinschob.

„Das ist jetzt aber nicht in Ordnung! Das können Sie auch bei sich in Ihrer eigenen Stadt machen!“, wurde er gerügt und belehrt.

Mein Freund hat so einen großen Omega als Kombi, für mich heißen die ja immer noch ‚Rekord‘, aber ich rechne ja Kuchenstücke auch noch in Deutsche Mark um.

Er hat nämlich ein Münchener Kennzeichen am Auto, weil das eigentlich gar nicht sein Rekord ist sondern ein Firmenwagen.

Manchmal wird er etwas patzig, aber hier hat er nur ganz sachlich zurückgefragt:

„Glauben Sie wirklich, dass ich von München an die Ostsee fahre, um hier meine Kartons zu entsorgen?“
Dieses Belehrende sagt man uns Deutschen ja gern nach. Sogar ich hupe auch manchmal, wenn die Gefahr längst vorbei ist und ich ihm nur ein „Du, Du, das habe ich gesehen, dass Du da was falsch gemacht hast“ senden will. Dann gucke ich immer im Rückspiegel nach, ob ich rot werde, weil ich mich leicht schäme, sogar wenn ich allein im Auto bin.

Letztes Jahr habe ich mich mit einer Reifenbreite auf einem zwei Meter breiten Radweg an einer ca 300m langen Autoschlange vorbeigeschummelt, ja, bis dann einer *nicht* 50 cm weiter an der Mittellinie stauen wollte. Der ist dann ausgestiegen als ich nach einer Minute nur meine Hupe *angesehen* hatte und hat mir Prügel angeboten. Der fuhr auch so einen SUV. Aber dazu sage ich lieber nichts, weil 25% aller Autos hier jetzt solche sind, die nach 4 Jahren mit dem Vermerk „nur Straße“ weiterverkauft werden. Die sind doch eher für den Förster. Da würde ich lieber einen DAF fahren.

Und das, obwohl Andi vor dem Abi über Micha mit seinem DAF sagte: „Bevor ich einen DAF fahre, fahre ich lieber mit einem Damenrad zur Penne.“ Andi fuhr ja Käfer 1300, ich hatte nur den 1200er mit 34PS ohne Radio.

Ach so, ja, der Typ im SUV hatte das Belehrende echt weiter entwickelt. Der war bei der Stadt angestellt, mit Namensschild und so. Echt blöd. Da muss der noch entwickeln, aber das müssen viele in den Stadtverwaltungen auch.
Meine Frau, die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, hat das niemals, dieses Belehrende. Also außerhalb des Hauses hat sie das nie, meine ich. Dabei wäre das manchmal außerhalb sogar angebrachter als innerhalb.

Laut fluchend habe ich sie in der weißem Jeansjacke und dem pinkfarbenen Rock vor dem Bahnhof aufgepickt. Und innerhalb einer einzigen Sekunde sahen ihre Pumps aus wie Boxerstiefel:

„Diese dumme Sau, dieses Arschloch, dem hätte ich die Fresse polieren können, dem alten Sack mit seiner Scheiß-Musik. Schwachkopf, alter Sack!“

Wie sich zwei Minuten später herausstellte, war der Sack deutlich jünger als ich und ich höre auch ziemlich oft „Scheißmusik“, glaube ich. Und sie spricht so echt selten und meistens nur im Auto oder ohne die Kinder im Schlepptau. Ich fluche, wenn mir danach ist, das ist echt schlimm, aber selten.

Der Typ in der Bahn hatte in den letzten 8 Minuten ihrer einstündigen Heimfahrt im Zug mit einem kleinen Lautsprecher Rockmusik gehört und sie wollte gern das Kapitel zuende lesen. Trotz Multitasking kommt sie dann in eine Art „Wutmodus“, glaube ich.

„Und …. hast Du nichts gesagt?“, habe ich Idiot gefragt obwohl ich ansonsten ungern Öl in lodernde Flammen gieße.

„Der, der hätte mich noch angegriffen oder zugeschlagen, so wie der aussah mit seinen blauen Jeansklamotten und diesem affigen Hut. Nein, was hätte ich auch sagen sollen?“

Da habe ich dann auch erstmal kurz über meine Hüte nachgedacht.

„Na, Du hättest zum Beispiel sagen können, dass Du jetzt bis zum Hauptbahnhof alles *ganz* laut aus Deinem Buch vorliest, wenn er keine Ohrhörer dabei hat.“

Und hier sieht man mal wieder, dass ich auch so etwas Besserwisserisches und Belehrendes habe.

„Finde ich jetzt echt nicht witzig! Auf so einen Quatsch komme ich in dem Moment doch nicht“, hat sie unter den halblangen blonden Haaren und zwischen den roten Lippen herausgepreßt.

Komisch, denn *innerhalb* fällt der Besten immer die beste Antwort sofort ein. Aber Auswärtsspiele haben eigene Gesetze.

Und vor ein paar Tagen habe ich bei ebay nach 15 Jahren und 1600 Bewertungen für Verkäufer dann meine ersten negativen Bewertungen rausgehauen.
Ich verkaufe ja nichts, weil mir das zu mühsam ist mit Text und Fotos und so.

Da hatte ich drei CDs für je 1€ bei einem ersteigert und der rechnete dann einen Gesamtbetrag von 10,50€ aus. 3€ für die Platten plus dreimal zweifuffzig für’s Porto. Da habe ich gedacht, dass sei ein Irrtum und habe kurz nachgefragt. Der schrieb aber „wir senden nur im Einzelversand“.
Dann habe ich 10,50€ rüber geschoben, aber er sendete alle zusammen in einem Brief für 2,20€.
Da habe ich dann kurz geschrieben und zwei Tage später drei fette Bewertungen in Rot gemacht und ihn auf 96,7% runtergedrückt.

Dann hat der erst geflucht, dann sich entschuldigt und dann gebettelt und gefleht um Rücknahme nach Rückzahlung.

Boah, da war ich dann wieder B-Lehrer.
Als ich die Röte kommen fühlte, habe ich in dreimal „positiv“ umgewandelt.

Aber diese Erregung brauche ich weniger als 5,30€.