









*Das letzte Mal ist schon einige Jahre her*
Früher hatten wir nur ein Auto. Ich bin zur Arbeit immer mit dem Rad gefahren, also fast immer. Das ist nicht so einfach für mich, weil ich grundsätzlich keine Busse benutze. Darin ist es morgens so eng, alles niest und hustet im Herbst und Winter. Ja, ich erkälte mich lieber auf dem Fahrrad.
Alternativ sind sogar 45 Minuten Fußweg besser als 20 Minuten Fremdschnupfen mit Umhusten in zwei Bussen.
Das war schon als Kind so. Bei Schnee und Eis und Regen, ich bin lieber Rad gefahren. Am wichtigsten ist neben einer Regenhose und einer Regenjacke ein Paar Ersatzschuhe, die man am Arbeitsplatz deponiert. Nasse Schuhe sind mir ein Gräuel. Und nachdem ich einmal einen Vormittag auf Socken unterrichtet hatte und dazu Fragen beantworten musste, habe ich ein Paar Hausschuhe in der Schule unter dem Schreibtisch geparkt.
Ich beantworte ungern Fragen, die sich auf meine Füße beziehen.
Aber als ich dann vor Jahren 50 wurde, habe ich beschlossen, dass es jetzt reicht mit dem Radeln und seitdem fahre ich sogar den einen Kilometer zum Bäcker mit dem Auto, auch wenn es nicht regnet und wenn das keiner mitbekommt so früh am Morgen. Zum Ausgleich gehe ich schließlich mit dem jungen Hund und laufe, also …. wenn ich Lust dazu habe.
In den alten Zeiten bin ich auch mehrfach mit dem Rad in den Urlaub an die Nordsee gefahren. Die Familie fuhr morgens nach dem Frühstück, ich selbst nahm ganz früh mit dem Rad und minimalem Gepäck den ersten Zug nach Hamburg. Das würde ich heute noch machen, aber es gibt kein WLAN den ganzen Tag und das kann junge Menschen abschrecken.
Das hat schon etwas, wenn man in aller Herrgottsfrühe über Jungfernstieg, Reeperbahn und Fischmarkt 160km bis zur Seehundstation vor sich hat.
Das Kernkraftwerk (… der Begriff ‚Atomkraftwerk‘ ist ja von kompletter Unkenntnis der physikalischen Prozesse gekennzeichnet, ebenso lustig wie Politiker, die von einem ‚Quantensprung‘ in der Rentenpolitik faseln ohne zu wissen, dass es wenig Kleineres gibt als einen QS. Kann aber sein, dass ich die Aussage falsch verstehe. Und jetzt wird es schwer, dem eigentlichen Satz als Leser zu folgen …. ) in Brokdorf und ungefähr 100 zu öffnende Tore zwischen den Feldern vor dem Deich warten.
Irgendwann hinter Wedel grüßt man sich dann vor oder hinter dem Deich. Man trifft dann noch ungefähr so viele Menschen wie einen in einem zügig gefahrenen Audi A6 auf dem Weg von Wien nach Hamburg überholen.
Auf dem Rückweg weiß man auch ohne den Blick auf den Kilometerzähler, dass die Großstadt näher kommt, wenn der erste nicht mit „Moin“ zurückgrüßt oder wenigstens die Hand vom Lenker nimmt.
Und Millionen von Schafköteln sieht man auf dem Weg, der an der Elbe entlang führt und daher nur geradeaus geht.
Am schwierigsten ist eine kilometerlange geringe Steigung kurz vor Brunsbüttel. Da ist es schwer, die Durchschnittsgeschwindigkeit zu halten, besonders bei Gegenwind und Regen.
Das liest sich vermutlich ungefähr so wie sich die Strecke fährt, nur dauert das länger. Die zweite Stunde fährt man mit Musik, danach lasse ich nur einmal pro Stunde „Shelter From The Storm“ laufen (… live 1976, Rolling Thunder Revue II, falls das jemand wissen will).
Ein mobiles Telefon hielt ich damals noch für komplett überflüssig, auch weil ich sowieso nicht gern telefoniere. Vor allem das Klingeln empfinde ich heute noch als störend. Und wenn es tonlos und ohne Vibration lebt, dann bekommt man keinen Anruf …. mit. Irgendwann versucht es gar keiner mehr …. außer dem von der Versicherung.
Für die Strecke braucht man mit Pausen 9 bis 10 Stunden, wenn man zum Rauchen anhält.
„Wenn es dem Stall zugeht, laufen die Pferde schneller“, das gilt auch für Radfahrer und das ist sinngemäß gestohlen aus ‚Der Heilige‘ von C.F. Meyer, meiner Lieblingsnovelle. Zumindest glaube ich, dass das geflügelte Wort von dort kommt.
(Leider hat die Novelle eine kleine Schwäche bei der Geschichte mit „Grace/Gnade“, die überblättere ich deshalb meistens.)
Jedenfalls bin ich dann im Ferienhaus beim ersten Mal um 17:30 angekommen. Was habe ich mich gefreut, dass ich schon fast trocken war. Man ist dann etwas müde nach so einer Strecke, aber auch stolz, dass man es geschafft hat.
Meine Frau, die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, öffnete mir die Tür nachdem ich die Glocke geschlagen hatte, und sie *strahlte* so schön.
Nebenbei, das fällt mir gerade ein:
Für sie hatte ich mal einen weichen Sattel gekauft, weil sie nach 6 Kilometern stets klagte. Der Verkäufer stellte mir damals mehrere Modelle von ‚breit‘ über ‚gut gefedert‘ bis ‚ziemlich weich‘ vor.
Zum Schluss sagte er dann noch:
„Ich habe dann hinten im Lager noch das Modell ‚großes, weiches Sofa‘ für ältere Damen, aber das kommt sicher noch nicht infrage.“
Das habe ich genommen.
Und sie sagte in das Strahlen hinein an der Tür:
„Ach, ich dachte, Du kommst zum Kaffee!“
🙂