*Verdrängung*
Mein größtes Problem sind Schallplatten, CDs, Bücher, Lautsprecherboxen, Elektronik, Zeitschriften und Putzmittel für das Auto.
Anders als die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, bin ich der Meinung, dass man das alles benutzen und haben soll aber nicht „aussortiert“ oder gar „entsorgt“.
CDs befreit man zum Beispiel aus ihren Plastikgefängnissen und verstaut sie mit Booklet und Cover in hauchzarten Folienhüllen. Das schafft unglaublich Platz. Bei Büchern ist das etwas schwieriger, aber bei Zeitschriften könnte man die wichtigen Artikel herausschneiden, in Sichthüllen stecken und in Ordnern abheften. Ich schreibe jetzt *könnte*, weil ich das früher tat, aber heute einfach nicht die Zeit habe zwischen wichtigen Artikeln und unwichtigen Artikeln zu unterscheiden.
Meine Frau, die beste Schuhkäuferin auf Erden, hat ungefähr 50 oder 60 Paar Schuhe, ich höchstens ein Zehntel davon. Die verbrauchen sich bei mir aufgrund der Anzahl und werden entsorgt, wenn die Reparatur sich nicht mehr lohnt.
Bei Kleidung hilft sie mir jedes Jahr. Sie geht meinen Teil des Kleiderschrankes durch und bildet ein Häufchen, das weggeworfen werden soll. Ich glaube, dass das viele Ehefrauen für ihre Männer machen wenn sie mehr Platz im Schrank brauchen.
Vor zwanzig Jahren hatte ich mal knapp 2m Breite eines 5m breiten Schrankes. Jetzt habe ich knapp ein Viertel eines 3m breiten Schrankes. In Zentimetern will ich das jetzt nicht ausdrücken. Aber 40 Hemden liegen im Keller, die sind noch nicht gebügelt, weil ich nicht gern und schlecht bügele und weil die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, natürlich bei 40 Hemden auch nicht mehr bügeln mag. Ich trage auch gern Rollkragenpullover und T-Shirts, weil die Hemden nicht mehr in den Schrank passen würden, wenn sie gebügelt wären. Das würde dann in einer Entsorgungsaktion größeren Ausmaßes enden und daher bin ich ganz froh, dass die Hemden noch da sind auch wenn ich sie nicht benutze.
Seit vielen Jahren rette ich einen dunkelblauen Baumwollpullover mit weißen Rändern an den Ärmeln, dem Kragen und dem Bund aus diesen Häufchen. Sie merkt es jetzt nicht mehr, weil ich den bei den Putzmitteln im Auto habe. In dem habe ich Ende der 80er eines meiner besten Spiele im Hamburger Stadtpark gemacht. Da war ein Mexikaner mit dem ich zusammen vorn gespielt habe und wir hatten keine gemeinsamen Worte, aber der war für 100 Minuten der beste Spielpartner meines Lebens. Blind lief das. Wir wussten immer, was der andere tun oder wohin der laufen würde.
Über den Abend könnte man ein Buch schreiben.
Und deshalb brauche ich eben diesen Pullover.
Im Bad habe ich jetzt meine Kulturtasche auf dem Regal über der Tür. Da ist alles drin. Das ist nicht so viel, aber in die Schublade unter dem Waschbecken kann ich das nicht stellen, weil ich so früh aufstehe und die Schublade sich nicht leise schließen lässt. Offen hinstellen geht auch nicht, weil da Pflanzen und Parfums von meiner Frau hingehören. Das mit der Tasche ist eine wirklich gute Lösung, das macht man im Urlaub oder wenn man jemanden besucht auch so.
Früher war ich auch sehr ordentlich und strukturiert im Privaten, aber das kostet so viel kostbare Zeit und ich fühle mich heute nach dem Sortieren gar nicht mehr so viel besser wie vor 40 Jahren.
Damals habe ich jede Woche die Fenster geputzt und in den Zimmerecken diese Art von „malerischer Unordnung“ geschaffen, die einem sehr aufgeräumten Raum einen Hauch Lebendigkeit verleiht. Das verstehen jetzt nur ordentliche Frauen, das macht aber nichts.
Ich hatte damals einen dunkelgrünen Velourteppich. Wenn man den saugte, dann gab es die sogenannten hellen bzw dunklen „Saugspuren“.
Das sah dann aus wie der Rasen von Wembley, wenn der Platzwart nach fünf Jim Beam zwei Stunden mit dem Mäher unterwegs war.
Und deshalb habe ich immer in *eine* Richtung gesaugt. Man kann das auch variieren, also ob man den hellen oder den dunklen Teppich beim Betreten oder beim Verlassen des Zimmers sehen will.
Aber man darf das dann nur vorsichtig nutzen, das Zimmer. Sonst gibt es Trittspuren. Ich finde heute Parkett besser, aber das ist klanglich mit Musik unterirdisch. Das verstehen Frauen nicht, dass ein Raum einen eigenen ‚Klang‘ hat. Hallig geht für einen Musikliebhaber gar nicht. Bücher sind ein probates Mittel um einen Raum zu beruhigen.
Jetzt mache ich mal Frühstück.
in welcher Ecke machst du Frühstück ? Oder ist die Küche dein Reich ?
Micha
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