Ochsen II

Ochsen II

Kürzlich beschloss ich eine Begebenheit zweier menschlicher „Ochsen“ am Steuer mit den Worten:

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich zwei *Frauen* 10 Minuten lang wie zwei Ochsen gegenüberstehen. Jedenfalls nicht ohne Worte.“

Nun, ich muss den Zeitraum von 10 Minuten nach eigenem Erleben auf 43 Minuten erhöhen.

Und das kam so:
Nach einer langen Nacht bringe ich dem Caterer 14 Kisten zurück, viel Geschirr vom leckeren Fingerfood. Der Caterer versorgt auch die Frauen und Männer des Ruderclubs, der Eigentümer des Restaurants ist. Früher gab es dort Bratwurst und Buletten, nun auch edles Fingerfood in vielen Variationen im feinen Ambiente mit Blick auf den Kanal und aktive Ruderer. Die Stühle sind noch dieselben, aber die Hussen sind weiß und rein.

Leider ist der Parkplatz wegen Brückenbauarbeiten nicht zugänglich, also riskiere ich das verbotene Parken auf dem Clubgelände, weil der Weg mit 14 Kisten siebenmal zu gehen ist. Schließlich stehen die Restaurantfahrzeuge auch immer dort. Nur heute steht dort keines.

Ich stehe dort keinem im Weg auf meinem Eckenplatz am Rand für 5min. 🙂

Aber nach den ersten zwei Kisten versperrt mir ein altes, 10m langes Ruderboot den Weg.

Gefangen im Verbot. Erwischt.

Nach 14 Kisten dasselbe Bild, ich rauche eine Zigarette neben dem leeren Kombi und schaue *ihm* zu. Er schraubt am alten Boot. Er ist knapp 60 und hat sicher viele Rennen gewonnen. Breite Schultern, braungebrannt, Brille, die Schulter leicht nach vorn fallend wie es viele Ruderer zeigen. Man erkennt sie fast wie ehemalige Balletttänzerinnen an der Haltung.

Und er sagt nichts, sieht mich rauchen und dann am Handy tippen, ich schreibe an *genau* diesem Text und ich habe Zeit.

Er wirkt wie ein Wartender. Er wartet auf meine Frage. Aber natürlich sage ich nichts, ich habe ja schon verloren und, er und ich, *wir* wissen das sehr gut … im Stillen. Da braucht es keine Worte. Die Diskussion mit Siegertypen ist auch meist länglich und anstrengend.

Im Leben habe ich gelernt, dass Warten klug sein kann. Ein Sieger wie er, er wird nicht Platz machen, um mich zu befreien. Er hat gewonnen, aber er will den Triumph jetzt kosten. Noch ein Mal. Vielleicht ist sein letzter 2 Jahrzehnte alt, und sein Hunger ist noch groß. Gut sieht er immer noch aus. Ein cooler Mann mit seinem Boot in der Sonne.

Ein paar Ruderdamen kommen an mir vorbei und fragen, ob das ‚mein Volvo ist‘, ich sitze ja daneben mit offener Tür.

„Nein, der …. gehört meiner Frau.“

Das fand ich schon mal nicht blöd von mir, denn sie gehen weiter. ‚Martin‘, mein Duellpartner und Namensvetter, schraubt. Zwischendurch sitzt er neben dem Boot und spielt mit dem Werkzeug.
Irgendwie mag ich ihn jetzt, er ist konzentriert und er weiß, was er will. Ich mag Menschen, die Ziele haben.

„Was machst Du denn mit dem Boot, Martin? Das kommt doch eh weg, das hat seit Jahren keiner benutzt“, sagt der ExWeltmeister mit den Locken, den ich vom Sehen kenne, stets mit dem Lächeln des olympisches Goldes zwischen den sympathischen Lippen.

Dann fragen die nächsten Damen:

„Martin, wir kommen hier mit den Ruderblättern schlecht durch. Kannst Du das Boot nicht 2 Meter weiter rüberschieben?“

Nein, kann er nicht, dann käme ich ja auch raus, weg vom Hof seines Clubs.

Aber er spricht mit den anderen auch kein Wort. Sein Lächeln ist schmaler geworden. Er sieht auch gar nicht mehr so braun aus.

Dann, drei Zigaretten später und 43 Minuten später, spricht er mich an:

„Wollen Sie …. raus?“

Drei Worte in 43 Minuten.

Ich nicke und lächle.

Er schiebt das Boot innerhalb von 10 Sekunden ein Stück zur Seite, vom Wasser kommen jetzt vier junge breite Männer mit ihren Ruderblättern.

Ich starte den Diesel, lege den Rückwärtsgang ein und rolle vom Hof. Er schaut nicht als ich an ihm vorbeirolle.

Im CD-Player läuft „You Can’t Always Get What You Want“ von den Stones.

Heute nur ‚Platz‘ für Martin.

….. für welchen?

„Man weiß es ja nicht“, ..

… würde meine kluge Tochter sagen.

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